In welchem Haus wohnte Georg Friedrich Händel wirklich?

Was war die Ursache für die Diskussionen, die erst 1922 beendet wurden?

Seit 1784 war das Gebäude als Wohn- und Geschäftshaus immer wieder Eigentum von Kaufleuten: Zuerst erwarb es Christian Friedrich Pohlmann, danach (1817) Friedrich Wilhelm Rüprecht, der es 1847 an seine Erben weitergab, und im Jahre 1872 schließlich Richard Fuß.

Inzwischen aber war ein Streit um das „richtige“ Händel-Haus entfacht worden. Der konnte erst 1922 von Bernhard Weißenborn unter Heranziehung der noch erhaltenen Grundbücher beendet werden. Demnach steht fest, dass Händel in dem Haus „Zum Gelben Hirsche“, d. h. in dem Eckhaus Großer Schlamm / Kleine Ulrichstraße und Kleine Klausstraße, geboren wurde.

Warum waren überhaupt Zweifel aufgekommen? Friedrich Chrysander hatte in seiner maßgeblichen Händel-Biographie von 1858 (S. 14) berichtet: „In Halle wohnte Georg Händel ,am Schlamme‛ in einer trotz des bösen Namens doch recht reinlichen Stadtgegend. Sein Wohnhaus, die Geburtsstätte seines Sohnes, kann nicht mit völliger Sicherheit angegeben werden. Doch vereinigen sich die Angaben darin, es sei das jetzt dem Kaufmann F. W. Rüprecht gehörende Haus, Großer Schlamm Nummer 4, gewesen...“ Mit Ausnahme der falschen Hausnummer machte Chrysander jedoch trotz der geäußerten Zweifel richtige Angaben. Ein anlässlich des 100. Todestages Händels erschienener Artikel über das Geburtshaus in der Illustrated London News (Supplement, 25. Juni 1859, S. 617) nahm auf Chrysander Bezug und brachte eine Abbildung nach einer Fotografie von C. Klingemann. Darauf sind die beiden umstrittenen Häuser zu sehen.

Schließlich diskutierte auch ein Aufsatz in der Leipziger „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ (Jg. 2, 1867) das Problem. Er betonte, dass es sich beim Geburtshaus Händels um das Eckhaus zur Kleinen Ulrichstraße handeln müsse.

Doch unter den Hallensern hielten sich die Unklarheiten hartnäckig. Das kam so: Friedrich Rüprecht hatte nämlich schon 1827 zusätzlich das spätere „falsche“ Händel-Haus erworben. Der Nachbesitzer, der Kaufmann Richard Fuß, bewirtschaftete zunächst ebenfalls beide Häuser. Er war es vielleicht, der die irreführenden Gerüchte gern weiter nährte. Und obwohl Dr. Julius Opel 1885 in der „Zeitschrift für allgemeine Geschichte“ nahezu lückenlos die wechselvolle Geschichte des Händel-Hauses nachweisen konnte, ließ im gleichen Jahr der neue Besitzer des Nachbargrundstückes (heute Große Nikolaistraße Nr. 6), der Kaufmann Julius Winzer, die vordere Fassade des Hauses durch den Stukkateurmeister Gustav Glück werbewirksam ausschmücken: Unter jedem Fenster der Belletage prangte je ein Titel eines Händel-Oratoriums und über dem Tor sogar die Büste des Komponisten. Außerdem behauptete Winzer, auf dem Dachboden ein sehr altes Clavichord gefunden zu haben. Darauf habe bestimmt der Knabe Georg Friedrich einst heimlich gespielt …