Fremde Welten

Bei den kommenden Händel-Festspielen mit dem Motto „Fremde Welten“ soll es zum einen darum gehen, wie sich inner- und auch außereuropäische Fremderfahrungen in Händels Werk manifestieren, und zum anderen darum, wie sich der in Halle geborene Komponist als innereuropäischer Migrant in der Fremde orientierte.

John Mainwarings Heldenerzählung von einem Musiker, dem an allen seinen Wirkungsstätten sofort und umstandslos die Menschen zu Füßen lagen, verdeckt bis heute die Tatsache, dass Händel sich über seine gesamte Karriere hinweg als Fremder mit Phänomenen der sprachlichen, religiösen, politischen, kulturellen und ästhetischen Alterität auseinandersetzen und sich in diesen fremden Umfeldern bewähren musste. Sei es die „neue Welt“ der Oper in Hamburg, sei es die vielseitig diversifizierte Musikkultur in den italienischen Metropolen, sei es London mit seinem spezifisch zwischen nationalen (englischen) und internationalen (französisch-italienischen) Idiomen changierenden Musikleben: In all diesen unterschiedlichen Milieus musste sich Händel jeweils neu orientieren und sich um eine Vermittlung zwischen dem Eigenen, das er mitbrachte, und dem Fremden, mit dem er konfrontiert wurde, bemühen.

Diese Herausforderung teilte Händel mit vielen seiner europäischen Zeitgenossen, die sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges verstärkt international ausrichteten. Die Musikermigration war verbunden mit dem Transfer verschiedener musikalischer Schreibarten, Gesangspraktiken und Spielweisen in unterschiedlichste kulturelle Milieus, der Irritationen und Auseinandersetzungen auslösen, aber auch vielfältige Hybridisierungsphänomene in Gang setzen konnte. Die Händel-Festspiele möchten dazu anregen, die Chancen, aber auch Konflikte und Herausforderungen neu zu beleuchten, die aus den musikalischen Migrationsbewegungen innerhalb Europas im Zeitraum zwischen 1650 und 1750 hervorgingen, und zugleich dazu beitragen, die Figur Händels in ihrer Besonderheit innerhalb dieser Bewegungen neu zu verorten. In einem weiteren Sinne soll mit der Thematik auch die aktuelle Krisensituation Europas zwischen gezielter Abschottung gegenüber Migrationsbewegungen und politischem Willen zur Integration des Fremden historisch reflektiert werden.

Auch 2018 werden wieder internationale Stars aus der Fremde nach Halle kommen. Besonders hervorheben möchten wir dabei die Sängerinnen und Sänger Joyce DiDonato, die  2017 als „Sängerin des Jahres“ mit einem ECHO Klassik ausgezeichnet wurde, die Händel-Preisträgerin Magdalena Kožená, die französische Altistin und Dirigentin Nathalie Stutzmann, die junge russische Sopranistin Julia Lezhneva und den weltweit gefragten Countertenor Max Emanuel Cencic. In szenischen und konzertanten Opernaufführungen wird das Publikum in „exotisch-fremde“ Orte wie den Parnass („Parnasso in festa“), in das Jerusalem der Kreuzritter („Rinaldo“) oder in das alte Ägypten („Berenice“) entführt. Neben Barockmusik werden auch Brücken zu anderen Genres geschlagen, beispielsweise zur irischen Musik mit der CamerataKilkenny oder zur Musik des Mittelmeeres mit der türkischen Sängerin Nihan Devecioğlu, zur elektronischen Musik in den Baroque Lounges und zum Jazz oder zur Pop-Rock-Musik (Bridges to Classics).
Auch hier kommt es zu spannenden Begegnungen an sich fremder Musikstile und -genres.