Streit

Inzwischen aber war ein Streit um das „richtige" Händel-Haus entfacht worden, der erst 1922 von Bernhard Weißenborn mit genauen Nachweisen unter Heranziehung der noch erhaltenen Grundbücher beendet werden konnte. Demnach steht fest, daß Händel in dem Haus Zum Gelben Hirschen, in dem Eckhaus Großer Schlamm / Kleine Ulrichstraße und Kleine Klausstraße geboren wurde. Erste Zweifel waren wohl von Friedrich Chrysander ausgegangen, der in seiner maßgeblichen Händel-Biographie von 1858 (S. 14) berichtet hatte: „ In Halle wohnte Georg Händel 'am Schlamme' in einer trotz des bösen Namens doch recht reinlichen Stadtgegend. Sein Wohnhaus, die Geburtsstätte seines Sohnes, kann nicht mit völliger Sicherheit angegeben werden. Doch vereinigen sich die Angaben darin, es sei das jetzt dem Kaufmann F. W. Rüprecht gehörende Haus, Großer Schlamm Nummer 4, gewesen..." Mit Ausnahme der falschen Hausnummer machte Chrysander, wie wir heute wissen, trotz der geäußerten Zweifel richtige Angaben. Ein anläßlich des 100. Todestages Händels erschienener Artikel über dessen Geburtshaus in der Illustrated London News (Suppl., 25. Juni 1859, S. 617) nahm auf Chrysander Bezug und brachte eine Abbildung nach einer Fotografie von C. Klingemann, auf der die beiden umstrittenen Häuser zu sehen sind. Für den Betrachter entsteht aber keine Unklarheit, weil das „richtige" Händel-Haus die Firmenbezeichnung des genannten Kaufmanns Rüprecht trägt.

Auch ein Aufsatz in der (Leipziger) Allgemeinen Musikalischen Zeitung (Jg. 2, 1867), der das von Chrysander aufgeworfene Problem diskutierte, ging davon aus, daß es sich beim Geburtshaus Händels um das Eckhaus zur Kleinen Ulrichstraße handeln müsse.

Weil aber nicht allgemein bekannt war, daß Rüprecht zwei Grundstücke besaß, gab es weiterhin Gerüchte und Unklarheiten. Friedrich Rüprecht hatte schon 1827 das spätere „falsche" Händel-Haus hinzuerworben. Auch der Nachbesitzer, der Kaufmann Richard Fuß, bewirtschaftete zunächst beide Häuser. Dieser war es anscheinend vor allem, der irreführende Gerüchte aufbrachte oder doch zumindest nährte. Und im gleichen Jahr, 1885, in dem Dr. Julius Opel in der Zeitschrift für allgemeine Geschichte nahezu lückenlos die wechselvolle Geschichte des Händel-Hauses nachweisen konnte, ließ der neue Besitzer des Nachbargrundstückes (Große Nikolaistraße 3, später Nr. 4, heute Nr. 6), der Kaufmann Julius Winzer, die vordere Fassade des Hauses durch den Stukkateurmeister Gustav Glück ausschmücken.

Händels Geburtshaus, daneben das geschmückte "falsche" Händel-Haus. Photo vom Beginn des 20. Jahrhunderts
 
 

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Georg Friedrich Händel