Händel-Bilder in der NS-Zeit
"das Werk […]
des gewaltigen Wikingers der Musik […]
in unveräußerlicher Größe als Kraftspender und Einiger im
geistigen Kampfe u n s e r e r Zeit “
Alfred Rosenberg (1935)
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„Krieger des Herakles zum Einmarsch bereit“
Aus dem Programmheft zur szenischen Aufführung von Händels
Hercules
anlässlich der Olympischen Spiele Berlin 1936
Wie sich das Händel-Bild und seine Facetten im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten,
ist erst partiell erforscht.
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Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Regierung übernahmen, war das
Repertoire der Bildelemente, derer man sich in den folgenden zwölf Jahren bediente, jedenfalls
bereits vorgeprägt.
Vorgeprägt war spätestens seit dem Ersten Weltkrieg auch etwas anderes: die Bereitschaft
nämlich, Händel in einer Situation, die man als chaotisch und krisenhaft empfand, als Leitfigur, ja
als geistigen Nothelfer und Retter zu betrachten. 1915 hatte der Musikpublizist Otto Leßmann zu „
Mehr Händel!“ aufgerufen und empfohlen, in der gegenwärtigen „gewaltigen Kriegszeit […] in erhöhtem
Maße durch Aufführungen Händelscher Heldenoratorien die patriotische Begeisterung zu kräftigen und
für die Zukunft zu erhalten“.
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Händel und seiner Musik werden hier nicht mehr nur ästhetische, sondern
sittlich-erzieherische, ja politisch wirksame Qualitäten zugesprochen.
Diese längst praktizierte weltanschauliche Instrumentalisierung des Komponisten setzten die
Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme fort, nun allerdings forciert. Zwei Bildpunkte, die
man schon früher als problematisch empfunden hatte, bedurften jedoch einer Retusche: zum einen die
Tatsache, daß Händel, ‚der Deutsche‘, sein Geburtsland früh verlassen und den Großteil seines
Lebens in England zugebracht, ja die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, zum andern die
christlich-jüdischen Stoffe seiner Oratorien, an die Händels Rezeption nach wie vor wesentlich
gebunden war. Auch für diese beiden Probleme waren die ‚Lösungen‘ bereits vorgezeichnet. Händel,
freiheitsliebend, sei mit seinem Weggang aus dem kleinstaatlichen, zerrissenen Deutschland einer
inneren Notwendigkeit gefolgt; nur in England habe er damals nach seinen Bedürfnissen wirken
können. Daß Händel darüber kein Engländer geworden sei, stehe fest; er habe bis zuletzt deutsch
gedacht und empfunden.
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Problematischer war die Frage der alttestamentlichen Oratorien Händels, Werke mit ‚jüdischen‘
Titeln, Stoffen und Namen. Obwohl Joseph Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer im Juli 1934
ausdrücklich klargestellt hatte, daß staatlicherseits keinerlei Bedenken gegen die Aufführung
Händelscher Werke bestanden, blieb die Ungewißheit, ob man „das“ denn darbieten dürfe. Handelte es
sich hier nicht um „Judenverherrlichung“?
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Wer Händel vor dem „stillen Boykott“
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retten wollte, griff auf ein Argumentationsschema zurück, das ebenfalls längst erprobt
war. Hugo Leichtentritt hatte 1924 erklärt, Händel habe sich für alttestamentliche Stoffe
entschieden, weil Biblisches volkstümlich sei und die Geschichten des Alten Testaments sich
besonders dafür anboten, „das ‚Volk‘ in seinem sittlichen und geistigen Leben darzustellen“.
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Stoffe und Figuren deutet man daher als äußerliche, unerhebliche Hülle für
Menschlich-Typisches und mutmaßt, es müsse Händel schwer genug gefallen sein, „einen Gehalt mit
Namen benannt zu sehen, die wenig der Art seines Wesens entsprachen“ – so Alfred Rosenberg, der im
selben Atemzug feststellte: „Der Messias des
Judentums und der ‚Messias‘ Georg Friedrich Händels haben innerlich letztlich nichts
miteinander gemeinsam“.
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Friedrich Herzfeld (Pressechef der Berliner Philharmoniker) ging 1934 noch einen
Schritt weiter. Im
Messias und in
Israel in Ägypten sei zwar die Geschichte eines „rassisch fremde[n] Volk[es]“ verklärt. In
Wahrheit lasse Händel „als echter Künstler nordischen Gepräges“ aber hier „
sein Volk“ sprechen. Das „Problem des Volkes“ sei grundsätzlich „germanisch“, Händels
Wendung zum Oratorium ein „Heimfinden zur germanischen Haltung“.
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Trotz dieser und anderer Versuche, Händels Oratorien durch eine entsprechende Argumentation
für die Musikpraxis des Dritten Reiches zu ‚retten‘, trotz einer klaren Stellungnahme der
politischen Führung zugunsten der Werke und trotz einer Vielzahl von Bearbeitungen, die textlich
Anstößiges verschwinden ließen, blieb die „Pflege des Händelschen Chorwerkes […] für unsere Zeit
durchaus eine Frage der Texte“. Hier aber waren die Vorbehalte augenscheinlich so groß, daß man
Händels biblische Oratorien in unbearbeiteter Form für mehr oder minder unaufführbar hielt und die
Werke ihre „frühere selbstverständliche Stellung im deutschen Musikleben“ einbüßten.
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1 Alfred Rosenberg,
Georg Friedrich Händel, Wolfenbüttel und Berlin 1937 (Schriften des Händelhauses in Halle
1), S. 15.
2 Vgl. etwa Walther Siegmund-Schultze (Hg.),
Georg Friedrich Händel im Verständnis des 19. Jahrhunderts. Bericht über die
wissenschaftliche Konferenz zu den 32. Händelfestspielen der DDR am 13. und 14. Juni 1983, Halle
1984 (Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 38), Michael
Werner, „
Sehnsucht und Erfüllung in unserer Zeit“. Aspekte deutscher Händelrezeption in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts, in:
Händel-Jahrbuch 42/43 (1996/97), S. 18-38, Hans-Joachim Marx,
Das Händel-Bild Chrysanders, in:
Händel-Jahrbuch 48 (2002), S. 35-44, Bernd Edelmann,
Der bürgerliche Händel. Deutsche Händel-Rezeption von 1800-1850, in: Ulrich Tadday (Hg.),
Händel unter Deutschen, München 2006 (Musik-Konzepte Neue Folge 131), S. 23-51, Laurenz
Lütteken,
Von der „Emanzipation der deutschen Musik“. Grundzüge des Umgangs mit Händel im 19.
Jahrhundert, in:
Göttinger Händel-Beiträge 13 (2010), S. 19-28.
3 Otto Leßmann,
Mehr Händel!, in:
Allgemeine Musik-Zeitung 42 (1915), S. 227-229:227.
4 Hans Joachim Moser,
Georg Friedrich Händel, Kassel o.J. [ca. 1941].
5 Ernst Zander,
Händel und das Alte Testament, in:
Allgemeine Musikzeitung 62 (1935), Heft 8, S. 116f.
6 Ebda., S. 116.
7 Hugo Leichtentritt,
Händel, Stuttgart – Berlin 1924, S. 271.
8 Rosenberg,
Georg Friedrich Händel, S. 13.
9 Friedrich Herzfeld,
Georg Friedrich Händel (Zum 175. Todestag am 13. April 1934), in:
Die Musik 26 (1934), Heft 7 ( April), S. 498-503:500f.
10 Richard Petzold,
Händel in unserer Zeit, in:
Allgemeine Musikzeitung 67 (1940), Nr. 48, S. 385f. Auch Hermann Stephani konstatierte 1941,
Händels biblische Oratorien seien „seit der Machtübernahme, obwohl grundsätzlich dem deutschen
Chorleben offengehalten, aus ihm doch nahezu verschwunden“ (Allgemeine Musikzeitung 68 (1941), Nr. 24, S. 191f:191).