Händel-Bilder der DDR
„Händel hilft uns, besser zu arbeiten und deshalb brauchen wir Händel!“
Kollege Warnecke von den Leuna-Werken „Walter Ulbricht“ (1959)
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„Kämpferisch, konkret, dem Volke zugewandt, dem Neuen aufgeschlossen, vorwärtsweisend,
optimistisch – wie können wir in unserer Deutschen Demokratischen Republik an einem Werk
vorbeigehen, das diese Züge trägt?“
Ernst Hermann Meyer (1959)
Daß ein Großteil der Versatzstücke des Händel-Bildes der Jahre und Jahrzehnte vor 1945 im
staatlich propagierten Händel-Bild der DDR der 1950er Jahre weiterexistierte, ist schwer zu
übersehen. Dabei gehen die Übereinstimmungen durchaus bis in Details des Vokabulars. Allerdings
wurden die Bildelemente neu sortiert und wiederum gleichsam auf Linie gebracht. Händels
Nationalität spielt nach wie vor eine Rolle; noch 1956 konnte Walther Siegmund-Schultze, damals
Direktor des hallischen Instituts für Musikwissenschaft und wissenschaftlicher Sekretär der
Händel-Gesellschaft, betonen, Händel sei „ein deutscher Komponist wie kaum ein anderer“, der trotz
einer internationalen Karriere „sein Deutschtum als Künstler“ nicht verloren habe.
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Ungleich wichtiger als völkische Konnotationen wurde in den folgenden Jahren jedoch das
Leitbild der ‚sozialistischen deutschen Nationalkultur‘ (Walter Ulbricht). Sie baute ihrerseits auf
dem Konzept des Kulturerbes auf, das es dem marxistisch-leninistischen Staat ermöglichte, große
Teile des ‚bürgerlichen‘ Erbes der Vergangenheit in die Kultur der ‚herrschenden sozialistischen
Klasse‘ zu integrieren. Wichtigstes Kriterium bei der Beurteilung der „geistigen Kulturschätze der
Vergangenheit“ war die Frage, ob ihre „geistigen Werte“ „den objektiven Gesetzmäßigkeiten der
fortschrittlichen Entwicklung der Gesellschaft“ entsprachen. Alles Kunstschaffen der Vergangenheit
war also an dem „Kriterium der sozialistischen Parteilichkeit“ zu messen.
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Das Ergebnis der ‚historischen Analyse‘, der man Händel unterzog, fiel für den
Komponisten und sein Schaffen glänzend aus: Händels Werk, so konstatierte Ernst Hermann Meyer 1959,
sei „kämpferisch“, „gesellschaftlich konkret“, „volkstümlich“, „neu und vorwärtsweisend“ und „
optimistisch“.
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Daß Händels Musik hier abermals Volkstümlichkeit und ein kämpferischer Charakter
zugeschrieben werden, erstaunt kaum; beide Bildelemente wurden seit mindestens einem halben
Jahrhundert mit dem Komponisten verknüpft. Die ‚kämpferische‘ Sprache seiner Musik, „ihre
elementare Gradheit und Kraft“
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hatte man von jeher geschätzt, wo es darum ging, mit Händels Musik spezifische,
weltanschaulich-politische Wirkung zu erreichen.
Was sich inzwischen geändert hat, ist das Feindbild: kämpfte Händel zuvor nicht nur für seine
künstlerischen Vorstellungen, sondern auch als „ Deutscher“ für die „deutsche Musik“, ja überhaupt
für das „Deutschtum“, so ist er nun von Grund auf Klassenkämpfer: „Im Ringen des jungen Bürgertums
seiner Zeit gegen die retardierenden Kräfte der Geschichte nahm Händel aktiv Stellung für
Fortschritt, Humanismus und demokratische Umgestaltung der Lebensformen. […] Leben und Werk dieses
Mannes atmen den Geist der Auflehnung und des Kampfes für die gerechte Sache seiner Zeit“: den
Kampf gegen den ‚Feudalabsolutismus‘.
Ein Vorbild ist Händel demnach auch jetzt weit über seine Musik hinaus. Der Pianist,
Musikwissenschaftler und Kritiker Eberhard Rebling konstatierte 1956: „Von Händel können wir die
konsequent fortschrittliche Haltung, das gewaltige Pathos, den Willen, durch die Musik ‚die
Menschen zu bessern‘ – wie er selbst einmal so schön sagte – lernen.“
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Dabei wird dem Komponisten (wie bereits Jahrzehnte zuvor) umstandslos unterstellt, daß
er die eigenen politischen Anliegen über jegliche historische Distanz hinweg fraglos geteilt haben
würde:
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„Mit welch einer Vehemenz würde sich heute ein Händel, ein Beethoven der Schumann gegen die
verbrecherischen, unmenschlichen Absichten und ‚Theorien‘ der Atombomben- und
Bakterienkriegspropagandisten wenden!“
Von seiten der Staatsideologie interessiert an Händel und seinem Werk nach wie vor in erster
Linie das, was ‚massentauglich‘ ist.
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So bleibt das propagierte Händel-Bild an die Oratorien des Komponisten gebunden. Von
den „brutalen Fälschungen des Nazifaschismus“ distanziert man sich öffentlich mit Nachdruck.
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Erwägungen, Händels Oratorien durch Textbearbeitung oder Neutextierung für die eigene
Sache zu ‚retten‘, gab es jedoch auch im sozialistischen Deutschland.
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Allerdings waren es nicht mehr die jüdischen Namen und Stoffe der alttestamentlichen
Oratorien Händels, die man als anstößig empfand. Was der propagierten Ideologie zuwiderlief, war
das Faktum, daß es sich um religiös gebundene, christlich gedeutete Themen und Stoffe handelt. Hier
griff man abermals auf tradierte Argumentationsfiguren zurück: Händels Oratorien seien keine
kirchliche, ja nicht einmal religiöse Kunst, die biblischen Stoffe nichts anderes als äußerliche,
volkstümliche Einkleidungen für völkerbewegende Themen. Ein Prüfstein ist hier (wie schon früher)
Händels
Messiah, nicht nur eines seiner meistaufgeführten Werke, sondern auch eines, das
unmissverständlich den christlichen Erlöser und Gott thematisiert und dafür ausschließlich
Bibeltexte verwendet. Die Nationalsozialisten hatte dies nicht davon abgehalten, aus dem Messias
einen siegreichen völkischen Kämpfer zu machen. Ernst Hermann Meyer befand 1959 (ideologisch
ähnlich vertrackt), mit dem Licht, das von dem Messias ausgehe, habe Händel „das Licht der
Aufklärung und des wahren Humanismus“ gemeint.
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Überhaupt ist dies die historisch-geistesgeschichtliche Rolle, die man dem Komponisten
zuweist: Händel als Aufklärer. Da Händel, soll er dem sozialistischen Erbe angehören, in seiner
Geisteshaltung fortschrittlich zu sein hat, und da man das 18. Jahrhundert als wesentlich von der
historischen Auseinandersetzung zwischen ‚Feudalabsolutismus‘ und ‚Aufklärung‘ geprägt sieht, muß
der Komponist Partei für die Aufklärung ergriffen haben, und zwar in der ihm von jeher
zugeschriebenen energischen Weise. Daher bemüht man sich, Händels Verhältnis zur Aristokratie
seiner Zeit als antagonistisch und ihn selbst als wesentlich vom Gedankengut der Aufklärung
beeinflußt darzustellen. Händels Geburtsstadt Halle sei ebenso ein Zentrum der Aufklärung gewesen
wie Hamburg, in Hannover habe Händel Leibniz kennengelernt, mit dem ‚bürgerlichen‘ England bewußt
das fortschrittlichste Land Europas als neue Heimat gewählt, in seinem Oratorium
Israel in Egypt „den schrecklichen Sklavenhandel englischer herrschender Kreise“
angeprangert und überwunden.
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Daß Händel den größten Teil seines Lebens im Dienst ebendieser ‚ herrschenden Kreise‘
stand und selbst keineswegs davon Abstand nahm, seine Einkünfte durch Investitionen bei der South
Sea Company zu vermehren, die in den Sklavenhandel involviert war, paßte nicht ins Bild und wurde
ausgeblendet.
Eher indirekt werden Widersprüche aber dann doch deutlich. ‚ Massentauglich‘ war Händel von
jeher vor allem als Oratorienkomponist gewesen. Im Dritten Reich galten die meisten und gerade auch
die bekanntesten und populärsten Oratorien Händels wegen ihrer ‚ jüdischen‘ Sujets als mehr oder
minder unaufführbar (es sei denn, in bearbeiteter Form). Seit der Antisemitismus nicht mehr
Staatsdoktrin war, hätte man den Schwerpunkt der Händelpflege der DDR auf die Oratorien legen
können. Auch die spezifisch marxistisch-leninistische Geschichtsphilosophie hätte dies nahegelegt:
galt das, was sich als historisch ‚fortschrittlich‘ erwiesen hatte, als besonders aufführenswert,
so stand außer Zweifel, daß Händels Oratorien Vorrang vor seinen Opern gebührte. Die Oratorien
betrachtete man als „Händels großartige Neuschöpfung“, sein „ vollgültigste[s] Werk“, als eine
hist.[orisch] konkrete Parteinahme für das unterdrückte Volk“, entstanden aus dem „
leidenschaftl.[ichen] Wille[n] zur Befreiung der Menschheit“ heraus.
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Daß die barocke Opera seria kaum ‚massentauglich‘ oder ‚volkstümlich‘ war, lag auf der
Hand. Dennoch waren es Händels Opern, für die man sich besonders engagierte. Halle als Hauptstadt
der Händelpflege der DDR trat in erster Linie als Zentrum der Händel-Opernpflege hervor. War die
größere Außenwirkung der Operninszenierungen (nicht zuletzt auf das kapitalistische Ausland) dann
doch wichtiger als Ideologisches? Waren es trotz allem die religiösen Sujets, die Händels Oratorien
kompromittierten? Versprach man sich vom Theatralischen die größere ideologische Wirkung auf das
Publikum?
Überhaupt bleiben Fragen genug: wie wandelt sich das Händel-Bild im NS-Staat und in der DDR,
welche Nuancen, welche Varianten lassen sich beobachten, in Abhängigkeit von unterschiedlichen
Adressaten und von der aktuellen politischen Entwicklung, als Reaktion möglicherweise auch auf
Stellungnahmen von außerhalb des Systems? Wie lassen sich Kontinuitäten und Brüche genauer
beschreiben und (nach Möglichkeit) begründen? Was ist manipulatorischer Absicht geschuldet, was
vielleicht auch nicht? Wie begründet man Bilder? Welche Rolle spielt der musikwissenschaftliche
Kenntnisstand, wie verhalten sich die Bilder zu den musikhistorischen Quellen? Wie erfolgreich ist
der Staat in der Vermittlung dieser Bilder an seine Bürger und andere Adressaten? Und nicht
zuletzt: welche dieser Bildelemente und Vermittlungsstrategien wirkten auch nach 1945 bzw. 1989
weiter – bis ins frühe 21. Jahrhundert?
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1 Als Zitat in Anon.,
Festlicher Auftakt zum Händel-Jahr 1959, in:
Musik und Gesellschaft 9 (1959), Heft 1, S. 2.
2 Walther Siegmund-Schultze,
Aufgaben und Ziele der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft, in:
Händel-Jahrbuch 2 (1956), S. 7-20:10. Siegmund-Schultze war 1937 der NSDAP beigetreten; 1948
wurde er Mitglied der SED.
3 Artikel
Kulturerbe, in: Harald Bühl et al. (Hg.),
Kulturpolitisches Wörterbuch, Berlin 1970, S. 297-300:299.
4 Meyer,
Aufgaben und Ziele unserer Händel-Pflege, S. 3.
5 Ebda.
6 Eberhard Rebling,
Tradition und Neuerertum in der Musik, zit. in: Dorothea Pohlmeyer,
Tradition und Neuerertum, in:
Musik und Gesellschaft 1956, Heft 1, S. 17-22:18.
7 Ebda.
8 „Zunächst einmal sollte unter den Händelschen Werken für das
kommende Jahr insofern eine Auswahl getroffen werden, als diejenigen Werke auf dem Gebiet der Oper,
des Oratoriums, der Instrumentalmusik besonders gefördert werden müßten, welche für die Massen
besonders überzeugungskräftig sind“; Meyer,
Aufgaben und Ziele unserer Händel-Pflege, S. 6.
9 Ebda., S. 7.
10 Etwa von Seiten Siegmund-Schultzes; vgl.
Zu einigen Problemen bei Georg Friedrich Händel, Typoskript, am 4.9.1958 an Jochen
Mückenberger, ZK der SED, Abt. Kultur, SAPMO, DY 30/IV 2/9.06/294, unfol.
11 Will sagen: der Träger dieses Lichtes ist irrelevant und hat
bestenfalls emblematische Funktion; Meyer,
Aufgaben und Ziele unserer Händel-Pflege, S. 5. Im selben Sinne, aber wesentlich
detaillierter Johanna Rudolph,
Händelrenaissance, Bd. 2:
Händels Rolle als Aufklärer, Berlin und Weimar 1969, S. 213-247 („Die Botschaft von Händels ‚
Messias‘“). Die Annahme,
Messiah sei ein religiöses Werk, sei subjektivistisch, Messias, Samson und Herakles seien
Volkshelden.
12 Meyer,
Aufgaben und Ziele unserer Händel-Pflege, S. 4f.
13 Walther Siegmund-Schultze, Artikel
Händel, Georg Friedrich, in: Horst Seeger,
Musiklexikon in zwei Bänden, Bd. 1, Leipzig 1966, S. 365-368.