Händel-Bilder in der NS-Zeit und in der DDR
Georg Friedrich Händel war nicht nur einer der berühmtesten Musiker seiner Zeit, er gehört
auch zu den ersten Komponisten der europäischen Musikgeschichte, die als ‚große‘ Musiker präsent
blieben und deren Werk kontinuierlich aufgeführt wurde. Diese chronologisch bis heute ungebrochene
Rezeptionsgeschichte verlief jedoch alles andere als geradlinig. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Nicht anders als sein Landsmann und Altersgenosse Bach hat sich Händel in den erhaltenen Quellen
kaum zu seiner Person und seinen Kompositionen geäußert. Wie Händel sich selbst sah und wie er sein
Werk verstanden wissen wollte, können wir daher nur vermuten oder bestenfalls erschließen. Mit
dieser historischen Ungewißheit haben sich Händels Biographen allerdings nie zufriedengegeben.
Bereits die erste Händel-Biographie (John Mainwarings Memoirs of the Life of the Late George
Frederic Handel, 1760; die erste umfangreiche gedruckte Komponistenbiographie überhaupt)
präsentierte festgefügte Bilder: Händel, der Schöpfer großer, erhabener Musik, die dennoch in ihrer
unmittelbaren Wirkung wie keine andere nicht nur die Kenner anspricht, sondern jedermann, ein
Komponist, der, selbst in der deutschen Tradition gründend, die Errungenschaften anderer Nationen
aufgreift und in seinem Werk genial überbietet, freiheitsliebend, unabhängig, Rangunterschiede
souverän mißachtend, selbstbewußt neben Fürsten und Königen, eine Kraftnatur, die alle
Widrigkeiten, die sich seiner Kunst in den Weg stellen, energisch überwindet, sein eigener
Geschäftsmann, dabei edelmütig und voller Menschenliebe.
Diese Bilder haben sich die folgenden Jahrhunderte hindurch mit erstaunlicher Zähigkeit
erhalten; sie wurden aber auch fortgeführt, variiert und ergänzt. In ihnen spiegelt sich nicht nur
die Rezeption der Person Händels, sondern – unnötig zu sagen – auch die seiner Musik. Gerade hier
sind die Wechselwirkungen offenkundig: seit dem 18. und bis ins frühe 20. Jahrhundert war Händel
vor allem der Komponist von Oratorien; sie bestimmten seine Rezeption maßgeblich. Erst seit der
sogenannten Göttinger Händel-Renaissance in den 1920er Jahren wurden auch Händels Opern in größerem
Umfang wahrgenommen und wieder aufgeführt.
Entscheidend für die wichtigste Konstante der Händel-Rezeption war jedoch ein Element, das
seine Musik offenbar seit 300 Jahren in den Ohren ihrer Zuhörer auszeichnet, ja unverwechselbar
macht: die unmittelbare Wirkung, der überwältigende Eindruck von Größe, Kraft und Erhabenheit, die
Verknüpfung von Pathos und monumentaler Schlichtheit, der starke appellhafte Charakter, der gerade
von seiner großbesetzten Vokalmusik auszugehen scheint, oder, um genau zu sein: von den Chören
seiner Oratorien. An die Ästhetik des Erhabenen knüpfte auch die deutsche Rezeption der letzten
Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts an. Ein weiteres wichtiges Element kam hinzu: Bereits zu Lebzeiten
und verstärkt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts reklamierten die Deutschen Händel, den
gebürtigen Hallenser und englischen Staatsangehörigen, für sich: „O Händel, stolzer Briten Ruhm, /
Doch unser, unser Eigenthum!“
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Händel-Pflege wurde zur patriotischen Aufgabe. Wenig später (um 1800) begann sich die
Vorstellung von der gemeinschaftsbildenden Kraft der Chöre zu etablieren – Chöre, die das Publikum
zum „integrirenden Theil des Ganzen“ und das Oratorium händelscher Prägung zur „ Kantate des ganzen
Menschengeschlechts“ machten.
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1 Johann Arnold Ebert,
An den Herrn C. A. Schmid. 1772 im May, in: ders.:
Episteln und vermischte Gedichte, Hamburg 1789, S. 76-114:88.
2 So bei Friedrich Rochlitz,
Bruchstücke aus dem noch ungedruckten Buche: Ferdinand, Geschichte der Bildung eines
Tonkünstlers, in:
Allgemeine musikalische Zeitung 5 (1802/03), zit. nach Anselm Gerhard,
Auf dem Weg zur „Kantate des ganzen Menschengeschlechts“. Voraussetzungen und Folgen der
Rezeption von Händels Chören, in: Lütteken / Busch (Hg.),
Händel-Rezeption der frühen Goethe-Zeit, zit., S. 209-236:230f.


