Die ideologische Prägung und politische Konzeption der Händel-Festspiele blieben nicht ohne Folgen
für die Werkinszenierungen. In Bezug auf die Bearbeitung Händelscher Opern bis Ende der 1960er
Jahre liegen nach einer Neubewertung der Quellen erste Ergebnisse vor: Mit dem Beginn der
Festspiele 1952 entwickelten der Generalmusikdirektor Horst-Tanu Margraf und der Regisseur Heinz
Rückert eine Interpretationsmethode, die den Prinzipien des ‚realistischen‘ Musiktheaters folgte.
Ziel dieser ‚Händel-Renaissance‘ sollte es sein, „durch realistische Aufführungen […], viele
Vorurteile gegen die Händel-Oper endgültig zu beseitigen“
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. Zu jener Zeit erkannte man nämlich in der barocken Oper in erster Linie anachronistische
Züge. Margraf strebte demzufolge eine Aufführungspraxis an, die in ihrer „ Leidenschaft und
dramatischen Kraft […] auf das legitime Händelpublikum, das Volk, orientiert“, wie es die
Händel-Ideologin Johanna Rudolph formulierte
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. Die Idee, eine dem so genannten werktätigen Publikum entsprechende Opern-Inszenierung zu
schaffen, wurde – u. a. durch die Beschlüsse der 5. Tagung des ZK der SED im Jahre 1951 –von
kulturpolitischer Aktualität getragen. So verschrieb sich auch das Hallesche Musiktheater,
anknüpfend an die von Walter Felsenstein
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geprägten Grundsätze, einer ‚realistischen Interpretation‘. Regisseur Heinz Rückert sah
zudem in der Lehre Konstantin Sergejewitsch Stanislawskis
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eine Möglichkeit, die barocke Oper für das Publikum zu aktualisieren. Die vorgesehene ‚
volkstümliche‘ Realisation Händelscher Opern prägte sodann die Inszenierungen. Die so entwickelte ‚
künstlerische Methode‘ bestand in der Bearbeitung des Librettos, in Eingriffen in den
dramaturgischen Ablauf und einer dementsprechenden musikpraktischen Umsetzung. Hierbei knüpfte man
zum Teil an eine seit dem 18. Jahrhundert übliche Bearbeitungspraxis Händelscher Werke an, die u.
a. durch Kürzungen von Arien und Rezitativen sowie Szenenumstellungen gekennzeichnet war. Auch die
Oktavierung von Stimmlagen und dadurch notwendige musikpraktische Ergänzungen waren keine
Seltenheit
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. Für die Hallesche Bearbeitungspraxis ist jedoch die Identifikation mit dem ‚
realistischen Musiktheater‘ ausschlaggebend. In besonderer Weise wird dies durch das von Heinz
Rückert (weiter)entwickelte Verfahren zur Textbearbeitung
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– die so genannte Durchtextierung – deutlich: Text-Wiederholungen wurden zugunsten
einer psychologisch begründeten Entwicklungsdramaturgie durch neue Gedanken und Wendungen ersetzt
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. Dies führte nicht nur zu einer Sinnentstellung des Wort-Ton-Verhältnisses, sondern
sollte vor allem die praktische Anwendung der staatlich oktroyierten Schaffensmethode des „
sozialistischen Realismus“ legitimieren. Die so genannte künstlerische Methode Horst-Tanu Margrafs
und Heinz Rückerts wurde entgegen des wachsenden Widerstandes von Teilen der Händel-Gesellschaft
und des internationalen Publikums bis weit in die 1960er Jahre praktiziert.
Weitere kontextualisierte Analysen Händelscher Opern unter dem Dirigat nachfolgender
künstlerischer Leiter der Festspiele stehen neben den umfangreichen Untersuchungen zur
Aufführungspraxis des Oratoriums (1952–1989) im Mittelpunkt des Forschungsprojektes. Durch eine
Neubewertung des vorliegenden Quellenmaterials und die Erschließung bislang unbekannter Dokumente
und Tonträger zur Aufführungspraxis soll geprüft werden, ob und inwieweit sich die ideologische
Konzeption der Händel-Festspiele auf die Interpretation Händelscher Werke ausgewirkt hat.


