Zu den Desideraten der
Händel-Forschung gehört eine Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte des Komponisten, die über
punktuelle Analysen und Interpretationen hinausgeht und auf breiter Dokumentenbasis übergreifende
Zusammenhänge in den Blick nimmt. Das Forschungsvorhaben widmet sich zwei bedeutenden Feldern der
Händel-Rezeption, die durch den Diktaturbegriff miteinander verbunden sind: der Händel-Rezeption im
NS-Staat und in der DDR.
Georg Friedrich Händel darf als einer der ersten Komponisten der europäischen
Musikgeschichte gelten, dessen Werk seit seiner Entstehung nicht nur in England, sondern auch in
Deutschland kontinuierlich rezipiert wurde; er ist der erste Musiker, der (1760) eine umfangreiche
gedruckte Biographie erhielt. Die Vielzahl der Deutungen, die man bereits im 18. und 19.
Jahrhundert an Händel geknüpft hatte, wurde im 20. Jahrhundert aufgegriffen.
Sowohl der NS-Staat als auch die DDR bedienten sich überkommener Rezeptionsmuster,
kombinierten sie in jeweils spezifischer Weise neu und ergänzten sie um weitere. Dass Händel im
Laufe der Geschichte immer wieder politisch vereinnahmt wurde, gehört wohl zu den Charakteristika
seiner Rezeption. Nie zuvor jedoch wurde die Inanspruchnahme des Komponisten für politische Zwecke
so intensiv betrieben und das Händel-Bild so sehr von Ideologien überformt wie in den beiden
deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts.
Eine solche Rezeption lässt sich ohne den politischen, sozialen, kultur- und
geistesgeschichtlichen Kontext und ohne den Blick auf die jeweilige Vorgeschichte nicht
erschließen. Ziel des Forschungsprojektes ist es daher, diesen Themenbereich von mehreren
Blickpunkten aus zu untersuchen. Das Interesse gilt ebenso den Konstanten und Wandlungen des
Händel-Bildes wie der Praxis der Händelpflege (sei sie staatlich gelenkt oder nicht) und den
Rückkoppelungen zwischen beidem: Händel im Musikleben, im Film, auf dem Theater, in der Literatur,
in der musikwissenschaftlichen Forschung, im kulturpolitischen Schrifttum; die Entwicklung der
Händel-Gesellschaften, der Händel-Festspiele und der Händel-Editionen. Ein zentraler Aspekt ist die
Frage nach den kulturpolitischen Intentionen der beiden Regime und nach der Art ihrer Umsetzung,
wie sie etwa bei den Händel-Jubiläen der Jahre 1935, 1959 und 1985, generell bei den
Händel-Festen und
-Festspielen in Halle
, bei der Praxis der Bearbeitung Händelscher Oratorien in der NS-Zeit und bei der
Hallischen
Opernpflege der DDR-Zeit
aufscheinen. Zwei weitere, historisch übergreifende Fragen schließen sich hier wie von selbst
an: zum einen die Frage nach den Mechanismen, Möglichkeiten und Grenzen der Instrumentalisierung
von Musik zu politischen Zwecken, zum andern der Zweifel, ob (und wenn ja, wie) es überhaupt
möglich ist, jenseits zeitgebundener Bilder und Projektionen zu gesicherter historischer Erkenntnis
zu gelangen.
Das Projekt versteht sich als Beitrag zur Grundlagenforschung; dementsprechend wird eine
umfangreiche Erfassung wichtiger Quellen angestrebt. Eine Auswahl soll in einem Dokumentenband
veröffentlicht werden. Ergebnisse des Projekts werden 2013 in einer Konferenz zum Thema
Macht und Ohnmacht der Musik: Händel, der Staatskomponist vorgestellt, die im Rahmen der
Händel-Festspiele stattfindet. Im Rahmen der Händel-Konferenz 2012 ist ein Round Table zum Thema
Konfessionalität als Problem der Händel-Rezeption in den deutschen Diktaturen geplant.
Träger des auf drei Jahre befristeten Forschungsprojekts (Beginn Oktober 2010) ist die
Stiftung Händel-Haus
; gefördert wird das Vorhaben vom
Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Am Projekt arbeiten
Katrin Gerlach M. A
,
Dr. Lars Klingberg
,
Dr. Juliane Riepe
und
Susanne Spiegler M. A.
Eine Kooperation besteht mit dem Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft am Institut für
Musik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (
Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann
).
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