Gleichnis, Stellungnahme
Standbild
Der Messias
Foundling Hospital
Testament
Händels Grabmal
Händel, der geniale Opernkomponist, hatte viele begeisterte Anhänger; Popularität in des
Wortes Bedeutung konnte er jedoch mit der Komposition italienischer Opern nicht erringen. Nach
seinem körperlichen Zusammenbruch gab es nicht wenige Stimmen, die das Ende seiner künstlerischen
Kariere voraussagten. Seine konsequente Hinwendung zum englischen Oratorium wurde mit Skepsis
beobachtet. Doch - nach den Aufführungen von Saul HWV 53 (September 1738) und Israel in Egypt HWV
54 (November 1738) - mehrten sich die begeisterten Stimmen, der Bann war gebrochen.
Diese Begeisterung galt nicht zuletzt dem Manne, der in
seinen Werken wie schon bei früheren Gelegenheiten direkt auf bestimmte, die damalige englische
Gesellschaft existenziell berührende
politische und militärische Ereignisse Bezug nahm. Häufig gestaltete er geeignete
Parallelstoffe aus dem Alten Testament. Auf diese Weise erhielten die in alttestamentarischem
Gewand widergespiegelten Tagesereignisse verallgemeinerte Bedeutung. Dabei stand Händel
unmißverständlich auf der Seite der englischen Nation, die seit 1739 in kriegerischen
Auseinandersetzungen ihre bürgerlich-demokratischen Errungenschaften gegenüber einer bewaffneten
Intervention zu verteidigen hatte. Die Engländer, die ihre Lage mit der des israelitischen Volkes
verglichen und sich selbst als „auserwählte Nation" empfanden, mußten Händels Werke als besonders
aktuell empfinden. Die mit dem österreichischen Erbfolgekrieg in Verbindung stehende Schlacht bei
Dettingen (am 27. Juni 1743) veranlaßte den Komponisten, das Te Deum für den Frieden von Dettingen
HWV 283 zu schreiben, das im Rahmen der Siegesfeierlichkeiten in St. James aufgeführt wurde. Im
Zusammenhang mit den Bestrebungen der Stuarts, die englische Krone wiederzuerlangen und den
Katholizismus wieder einzuführen, landete dann der Kronprätendent Charles (III.) Edward,
unterstützt von Ludwig XV. von Frankreich, im Sommer 1745 in Schottland. Hier schloß sich der
dortige Adel einem Feldzug gegen England an. Von London aus zog ihm eine Armee von Freiwilligen
entgegen. In der jetzt besonders kritischen Situation begab sich Händel sämtlicher Verkleidungen,
und er schrieb für diese Londoner Gentleman Volunteers den Chor Stand round my brave Boys, in dem
es heißt: „Laßt die Welt wissen, daß wir frei sein wollen."
Nach dem Sieg über den Kronprätendenten im April 1746 feierte Händel - in Beschränkung auf
dessen Rolle als "Befreier" - den Herzog von Cumberland, den Befehlshaber der englischen
Verteidiger, mit dem Chor From Scourging Rebellion, in welchem auch klar auf die Beteiligung
Frankreichs an dieser Intervention hingewiesen wird. Ebenfalls in Verbindung mit diesen
historischen Ereignissen entstanden das Gelegenheitsoratorium HWV 62 und das Oratorium Judas
Maccabäus HWV 63.
Mit dem 1748 geschlossenen Friedensvertrag von Aachen wurde
das Ende der Intervention gegen Großbritannien besiegelt. Am 22. April 1749 fand in London eine
große Friedensfeier statt, zu der Händel die Feuerwerksmusik HWV 351 geschrieben hatte. Die Zahl
der Zuhörer einer öffentlichen Probe wird mit 12 000 Personen angegeben. Bei der Aufführung selbst
war der Menschenandrang noch größer. - Händels Popularität hatte ihren Höhepunkt erreicht. Schon im
April 1738 war „in einer prächtigen Nische" in Vauxhall Gardens ein
marmornes Standbild Händels „
in Anbetracht des wahren Verdienstes dieses unvergleichlichen Meisters" aufgestellt
worden. Es war die Tat eines einzelnen, der mit dieser außergewöhnlichen Ehrung die Londoner
Musikwelt erneut auf Händel aufmerksam machen wollte. Noch zwei Opern entstanden: Imeneo HWV 41 und
Deidamia HWV 42, doch die Uraufführungen Ende 1740/Anfang 1741 im Theatre Royal, Lincoln's Inn
Fields, waren Mißerfolge. Wieder meldete sich ein Musikfreund, diesmal in einem Brief an die London
Daily Post (4.4.1741), zu Wort: Händel „
hat mich von meiner Kindheit an bis zum heutigen Tag bezaubert, und da ich so lange sein
Schuldner für eine der größten Freuden gewesen bin, deren unsere Natur fähig ist, halte ich es
gerade für meine Pflicht, da es Mode geworden ist, ihn zu vernachlässigen, ihn (der mir als Person
unbekannt ist) der öffentlichen Liebe und Dankbarkeit dieser großen Stadt zu empfehlen, deren
Bewohner mit mir sich so lange an der Harmonie seiner Kompositionen erfreut haben ..."
Zunächst aber hatten solche Aufrufe keinen nennenswerten Erfolg,
und Händel bereitete eine Konzertreise nach Dublin vor, wohin er seit langem von begeisterten
Anhängern eingeladen war. In etwa drei Wochen entstand sein neues Oratorium
Der Messias HWV 56, das seine Erstaufführung im April 1742 in der New Hall in
Dublin erlebte. Im Dublin Journal vom 17. April 1742 heißt es: „
Letzten Dienstag wurde Mr. Händels Geistliches Großes Oratorium, der 'Messias', in der Neuen
Musikhalle in der Fishamble Street aufgeführt; die besten Kritiker erklärten es für das
vollendetste Werk der Musik. Es fehlen die Worte, das außerordentliche Entzücken auszudrücken, das
es bei dem bewundernden großen Publikum hervorbrachte. Das Erhabene, das Großartige und das Zarte,
angepaßt an die höchsten, majestätischen und bewegendsten Worte, verschworen sich, das hingerissene
Herz und Ohr zu entzücken und zu bezaubern. Es bedeutet, Mr. Händel nur Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, daß die Welt wissen sollte, daß er die Einnahmen aus seinen großartigen Aufführungen
großzügig zu gleichen Teilen der Gesellschaft zur Unterstützung von Häftlingen, dem
Wohlfahrtskrankenhaus und Mercers Hospital gab ..."
Nach London zurückgekehrt, setzte Händel nach einigem Zögern nun seine Bemühungen um das
englische Oratorium fort. Der Abschied von der glänzenden Welt der Oper ließ auch einige
Verbindungen zur „guten Gesellschaft" abreißen. Händel, nun ein weiserer Mann, lebte
zurückgezogener; und die öffentlichen Nachrichten flossen zunächst etwas spärlicher. Auf Grund
eines Übereinkommens mit dem Theater-Manager John Rich (1691 oder 1692-1761) wurden die
Oratoriumsaufführungen jetzt wieder im Convent Garden Theatre veranstaltet. Am 23. März 1743 fand
endlich auch die erste Londoner Aufführung des Messias statt. Doch das Werk hatte nicht den
gewünschten Erfolg - die Londoner blieben bei ihrer Abneigung, bis Händel (seit 1750/52) das
Oratorium jährlich zum Besten des Londoner Findlingshauses aufführte.
Das von Kapitän Thomas Coram (1668?-1751) gegründete
Findelhaus diente der Minderung des Kinderelends in London. Händel schrieb
1749 für diese Einrichtung das
Foundling Hospital Anthem HWV 268 ( „Selig sind die, die der Armen
gedenken"). Außerdem schenkte er diesem Haus eine Orgel und vermachte dem Institut eine Reinschrift
der Partitur und das Stimmenmaterial zum Messias. Insgesamt ließ er dem Findelhaus etwa £ 11 000
zukommen.
„
In Anbetracht der Unbeständigkeit des menschlichen Lebens" setzte Händel 1750 sein
Testament auf. Seit der Erkrankung 1737 hatte es zwischenzeitlich immer wieder
gesundheitliche Krisen gegeben, die den nun alternden Mann wohl veranlaßten, jetzt seine
Angelegenheiten zu ordnen. Seine Schaffenskraft aber war offensichtlich noch nicht merklich
beeinträchtigt. Im Gegenteil, das Jahr 1750 scheint für Händel ein ausgesprochen gutes gewesen zu
sein. Der Earl of Shaftesbury (1711-1771) berichtete (13.2.1750 an James Harris): „
Ich habe Händel mehrmals gesehen, seit ich hierher kam, und ich glaube, daß ich ihn nie vorher
so ruhig und wohlauf sah. Er ist ganz entspannt in seinem Benehmen und hat sich selbst durch den
Kauf von einigen Bildern, besonders eines großen Rembrandts erfreut, der wirklich ausgezeichnet
ist. Wir haben kaum über musikalische Gegenstände gesprochen, obwohl es darüber genug zu sagen
gäbe. Seine Aufführungen werden unvergleichlich vorangehen." Sein Oratorium dieses Jahres -
Theodora HWV 68 - hatte allerdings beim Publikum keinen Erfolg.
Auch im Jahre 1751 finden wir Händel insgesamt bei guter Gesundheit. Im Februar jedoch
unterbricht er die Komposition seines neuen Oratoriums Jephta HWV 70 mit der erschütternden
deutschen Eintragung in das Manuskript: „
biß hierher kommen den 13. Febr. [Astronomisches Zeichen für Mittwoch]
1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken Auges den 23 [Zeichen
für Sonnabend]
dieses etwas beßer worden wird angegangen". Das Augenleiden verschlimmert sich, und
schließlich, im November 1752, wird eine Operation vorgenommen, die nur kurze Zeit erfolgreich zu
sein scheint, dann aber offenbar Händels Erblindung beschleunigt. Im Januar 1753 meldet eine
Londoner Zeitung, daß „
Mr. Händel ... kürzlich unglücklicherweise sein Gesicht ganz verloren" habe. Nun
verschlechtert sich auch stetig sein Gesundheitszustand insgesamt.
Seinem Testament von 1750 fügte Händel noch vier
Nachträge an (am 6. 8. 1756, 22. 3. und 14. 8. 1757 sowie am 11. April 1759). Im letzten - drei
Tage vor seinem Tode - äußerte er auch die Bitte, in der Westminster-Abtei beigesetzt zu werden,
und er bestimmte £ 600 zur
Errichtung eines Grabdenkmals. Am 14. April 1759 starb Georg Friedrich Händel in
seinem Londoner Haus. Seine letzte Ruhestätte hat er in der Westminster-Abtei gefunden, wo
neben den Königen die hervorragendsten Vertreter von Kunst und Wissenschaft in England begraben
liegen.


