Einladungen
Hofkapelle
Herrenhausen
Französische Aufführungspraxis
Reise nach London
Düsseldorf
Wichtige Kontakte
Ein sensationeller Erfolg
Intermezzo in Hannover
Rückkehr nach London
In Italien war Händel mit einflußreichen
Persönlichkeiten in Kontakt gekommen, die für seinen weiteren Lebensweg bedeutsam werden sollten,
so z. B. mit dem Duke of Manchester (Charles Montagu, gest. 1722), der eine
Einladung ausgesprochen haben soll, dem Baron Johann Adolf von Kielmannsegge (1668-1717) und
vielleicht auch mit dem Prinzen Ernst August von Hannover (Bruder des Kurfürsten) (1674-1728).
Es lagen weitere
Einladungen nach Tirol und Düsseldorf vor. Alle diese Orte besuchte Händel, jedoch die
Entscheidung für Hannover war offensichtlich schon vorher gefallen. Im Frühjahr 1710 verließ er
Italien und traf Mitte des Jahres in Hannover ein. Am Schluss seines Italienaufenthaltes ist
Händel, besonders im Zusammenhang mit der Aufführung seiner Oper Agrippina HWV 6 Ende des Jahres
1709 in Theatro San Crisostomo in Venedig sehr gefeiert worden, und allgemein gehen die Biographen
davon aus, dass er der italienischen Oper daraufhin Vorrang bei seinen Zukunftsplänen eingeräumt
haben könnte. Unter dieser Prämisse ist seine Entscheidung nach Hannover zu gehen zunächst kaum
nachvollziehbar. Zwar gab es dort ein neues modernes Opernhaus, aber das Opernensemble war aus
Kostengründen entlassen worden.
Welche anderen Gründe mögen Händel also veranlasst haben, hier eine Stelle anzunehmen, zumal
ja Mainwaring in diesem Zusammenhang hervorhob, Händel habe doch seine Freiheit gar zu sehr
geliebt? Anscheinend war Händel zunächst ohne verbindliche Absprachen einer Einladung nach
Hannover gefolgt. - Mainwaring spricht davon, der Baron von Kielmannsegg habe diese Einladung
vermittelt. - Die dann folgende Anstellung als Hofkapellmeister des Kurfürsten Georg Ludwig am
Hannoveraner Hof, genauer gesagt beim Kurfürsten zu Braunschweig und Lüneburg, scheint jedoch erst
später nach dem Eintreffen Händels am Hofe vereinbart worden zu sein. Dafür spricht u. a. eine
Formulierung in dem Brief der Kurfürstin Sophie von Hannover (1630-1714) an ihre Enkelin, die
preußische Kronprinzessin Sophie Dorothea, vom 4. Juni 1710, in dem es über Händel heißt:
"...
Er eignet sich zum Capellmeister, wenn der König [in Preußen]
ihn hätte, würde seine Musik besser in Ordnung sein als heute. Aber er geht nach Düsseldorf, um
dort eine Oper zu komponieren...". Erst zehn Tage später, am 14. Juni, schreibt die
Kurfürstin an die gleiche Adresse, dass der Kurfürst einen Capellmeister namens Händel in den
Dienst genommen habe, der wunderbar Klavier spiele.
Im Juni 1710 wurde er dann zum
Kapellmeister des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover (1660-1727) ernannt. Er erhielt ein
jährliches Gehalt von 1000 Thalern - eine fürstliche Entlohnung angesichts der geringen Pflichten,
die ihn hier erwarteten, und der anderen äußerst günstigen Vertragsbedingungen. Spätestens hier in
Hannover lernte Händel Wilhelmine Caroline von Ansbach (1683-1737) kennen, die spätere englische
Königin, mit der ihn eine herzliche, treue Freundschaft bis zu ihrem Tode verbinden sollte. Die
Kurfürstin Sophie von Hannover (1630-1714) schrieb an ihre Enkelin, die preußische Kronprinzessin
Sophie Dorothea, nach Berlin: "...
ich besuche täglich unsere Kurprinzessin Caroline von Ansbach ...; sie ergötzt sich an der Musik
eines Sachsen, die alles übertrifft, was ich je auf dem Cembalo und in der Composition gehört habe.
Man hat ihn in Italien sehr gefeiert ..." (4.6.1710) "
... Er ist ein recht schöner Mann, und der Klatsch sagt, daß er der Geliebte der Victoria
gewesen sei ..." (14.6.1710)
Neben den Kammer-Musiken für die Mitglieder der
kurfürstlichen Familie hatte Händel wahrscheinlich vor allem Musik für Aufführungen der Hofkapelle
in Schloß und Garten
Herrenhausen beizusteuern. Dort war zwischen 1689 und 1693 - gleichzeitig mit dem Opernhaus
in Hannover - ein reizvolles Gartentheater entstanden. Als nach dem Tode des Herzogs Ernst August
von Hannover (1695) das Opernensemble aufgelöst worden war, wurde hier in den Sommermonaten neben
französischen Komödien vor allem Instrumentalmusik aufgeführt.
Die gesamte hannoversche
Hofmusik war zu dieser Zeit noch
nach französischem Vorbild organisiert, und die Hofkapelle hielt sich genau an die Regeln
der französischen Aufführungspraxis. Durch sie hatte Telemann von Hildesheim aus, wo er das
Gymnasium besuchte, Gelegenheit gehabt, die französische Schreibart kennenzulernen. Außerdem hätten
ihn die „trefflichen Instrumentenspieler" veranlaßt, auf seinem Instrument "stärker" zu werden. In
seiner Autobiographie von 1718 äußerte er sich: "Hier ist der beste Kern von Frankreichs
Wissenschaft zu einem hohen Baum und reiffer Frucht gediehen."
Nach Mainwarings Überlieferung hatte Händel innerhalb der
erwähnten günstigen Vertragsbedingungen auch die Möglichkeit, für bereits früher zugesagte
Besuchsreisen längeren Urlaub zu nehmen. Etwa Ende November 1710 traf er in
London ein, nachdem er vermutlich seine Mutter in Halle besucht hatte. „
Die Nachrichten von seiner ungemeinen Fähigkeit waren, schon vor seiner Ankunft in England,
daselbst ausgebreitet ... Er wurde bald bey Hofe eingeführt, und von der Königin mit Gnadenzeichen
beehrt ..." (Mainwaring/Mattheson).
Auf dem Wege nach England hatte Händel auch in
Düsseldorf Station gemacht. Eine Einladung dorthin, ja sogar ein Angebot des
Kurfürsten Johann Wilhelm (1658-1716) für eine Anstellung als Hofkapellmeister, war ihm schon in
Italien übermittelt worden. In Düsseldorf gab es seit 1659 ein modern eingerichtetes Theater und
eine ausgezeichnete Operntruppe. Doch weder diese Tatsache noch ein großzügiges Geschenk des
Kurfürsten konnten den jungen Komponisten an seiner Weiterreise hindern. So sehr sich Händel auch
mit der italienischen Oper verbunden fühlte, war diese augenscheinlich nicht der alleinige Grund
für seine Entscheidung. Vielmehr „
liebte doch Händel seine Freyheit gar zu sehr", wie Mainwaring bemerkt, er hatte nie
längeres Interesse an einer festen Anstellung gezeigt. London übte auf den jungen Musiker offenbar
einen großen Reiz aus. Außerdem gab es vermutlich - seinen Besuch betreffend - schon feste
Absprachen. Im September 1710 verließ Händel Düsseldorf und reiste über die Niederlande nach London
weiter. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit dieser junge Mann, der verschiedene Sprachen
beherrschte, wohl aber nur wenig Englisch verstand, sich offenbar in der riesigen Weltstadt London
zurechtfand und vor allem schier unüberwindliche Hürden nahm, um Eingang in die führenden
gesellschaftlichen Kreise - adlige wie bürgerliche gleichermaßen - zu finden. Es leuchtet ein, daß
dies nur durch einflußreiche Vermittler möglich gewesen sein konnte.
Zunächst traf Händel in London das Sängerehepaar Francesca und
Giuseppe Boschi (1698-1744) wieder. Beide hatten ein Jahr zuvor in Venedig zum Erfolg der Agrippina
beigetragen, und beide genossen Ansehen und Einfluß am Theatre in the Haymarket. Francesca
Vanini-Boschi machte ihr Publikum kurz nach dessen Ankunft auf Händel aufmerksam, indem sie in
einer Aufführung von Scarlattis Oper Pirro e Demetrio am 6. Dezember 1710 eine Arie aus Agrippina
einfügte. Eine andere Sängerin, Elisabetta Pilotti-Schiavonetti (gest. 1742), die ebenfalls gerade
in der englischen Hauptstadt weilte, hatte Händel in Hannover kennengelernt. (Sie sang später in
Rinaldo mit.) Zu den Persönlichkeiten, die Händel bei seinem ersten Londoner Aufenthalt sehr
wahrscheinlich behilflich gewesen waren, gehörte u. a. auch Johann Ernst Galliard (um 1680-1749),
ein deutscher Musiker aus Celle (Schüler von Steffani), Andrew Roner, ebenfalls Deutscher, und
neue wichtige
Bekanntschaften wie Aaron Hill (1685-1750), Leiter des Haymarket Theatre, Giacomo Rossi
(1710-1731), der Librettist des Rinaldo, der Dichter John Hughes (1677-1720), John Jacob Heidegger
(1659-1749) und der Kohlenhändler Thomas Britton (1643-1714), der in dem Raum über seinem
Kohlenlager Konzerte veranstaltete, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Aber auch Verbindungen
zu den Londoner Adelskreisen müssen schon bestanden haben, denn anders wäre der erste Besuch bei
Königin Anna, von dem die Biographen berichten, nicht möglich gewesen.
Im Auftrag des Pächters des Theaters am Haymarket, Aaron
Hill, vertonte Händel das Libretto zu
Rinaldo von Giacomo Rossi. Die Aufführungen brachten für den Komponisten einen
sensationellen künstlerischen und gesellschaftlichen Erfolg, riefen aber auch die ersten
Kritiker der italienischen Oper in London - besonders Richard Steele (1672-1729) und Joseph Addison
(1672-1719) - gegen ihn auf den Plan. Anfang Juni 1711, Rinaldo war inzwischen fünfzehnmal
aufgeführt worden, kehrte Händel wieder nach Hannover zurück. Jedoch hatte er nicht die Absicht,
hier längere Zeit zu bleiben. Er bereitete zielstrebig seine nächste Englandreise vor und stand in
ständigem Briefverkehr mit seinen englischen Freunden und Bekannten.
Im November des gleichen Jahres treffen wir den jungen erfolgreichen Musiker als Taufpaten
für seine Nichte Johanna Friderica in Halle wieder.
In
Hannover hatte Händel ebenfalls viele Bekanntschaften und auch einige Freundschaften
geschlossen. Zu den besonders anregenden Persönlichkeiten dieser Zeit gehörte Gottfried Wilhelm
Leibniz (1646-1716). Dieser Universalgelehrte, einer der Begründer der europäischen Aufklärung,
zeigte auch für die Musik ein besonderes Interesse.
Im Spätherbst des Jahres 1712
begab sich Händel auf seine
zweite „Urlaubsreise" nach London, um hier, wie sich später herausstellte, für immer seinen
Wohnsitz zu nehmen. Wie bei seinem ersten Aufenthalt in London galt Händels Hauptaugenmerk auch bei
seiner Rückkehr der Oper. Er hoffte, seinen grandiosen Rinaldo-Erfolg mühelos vervielfachen zu
können. Die nächste Oper - Il pastor fido HWV 8a - erlebte nur sechs Aufführungen. Vor allem das
Libretto, von Rossi nach Battista Guarinis gleichnamigem Pastoralspiel von 1585 zusammengestellt,
entsprach nicht den Erwartungen des Londoner Publikums. In Francis Colman's opera Register heißt es
schlicht: „
Die Szene zeigt nur das Land Arcadiens, die Kostüme waren alt - die Oper kurz." Aber dieser
Mißerfolg ließ Händel nicht resignieren, sondern spornte ihn zu neuen Höchstleistungen an. Noch im
Dezember 1712 beendete er die Oper Teseo HWV 9, deren Uraufführung am 10. Januar 1713 stattfand. An
dem Erfolg dieser Oper war auch Niccolo Francesco Hayms (1678-1729) wirkungsvolles Libretto
beteiligt. Mit Haym, der ursprünglich auf der Seite vieler angesehener Kritiker des jungen
Deutschen gestanden hatte, sollte sich in der Zukunft eine fruchtbare Zusammenarbeit entwickeln.
Wenn sich auch der materielle Erfolg nicht sofort einstellte (Owen Swiney, der nach Aaron
Hill die Leitung des Haymarket Theatre übernommen hatte, verschwand mit der vollen Kasse zweier
Teseo-Aufführungen), brauchte sich Händel um sein persönliches Wohl keine Sorgen zu machen.
Wahrscheinlich war er sofort nach einer zweiten Ankunft in England Gast eines Mr. Andrews in dessen
Hauptresidenz in Barn Elms (Surry) und danach - 1713 bis etwa 1717 - bei Richard Boyle (Piccadilly,
1694-1753), wo seine äußeren Lebensumstände denen glichen, die er in Italien kennengelernt hatte.
In dem jungen Grafen, besonders aber in dessen Mutter, Hofdame bei Königin Anna, und dem hier
verkehrenden königlichen Arzt Dr. John Arbuthnot (1667-1735) fand Händel die geeigneten Vermittler,
ihm bei Hofe Zutritt zu verschaffen, woran der junge Komponist allem Anschein nach ein gewisses
Interesse gezeigt haben muß. In Burlington House konnte er sich - materieller Sorgen enthoben -
ganz seinem Schaffen widmen. Am 14. Januar 1713 hatte er bereits die Komposition eines Te Deums
(HWV 278) abgeschlossen, um bei dem vorauszusehenden Friedensschluß von Utrecht die passende Musik
für die zu erwartenden Staatsfeierlichkeiten liefern zu können. Dazu gehörte ohne Zweifel auch ein
gutes Maß gesunden Selbstbewußtseins, denn nach den gelten den Gesetzen wäre an eine Aufführung der
Komposition eines Ausländers zu einem solchen Ereignis nicht zu denken gewesen. Zudem stand Händel
ja noch in fremden Diensten, er war immer noch „Maestro di Capella di S. A. E. d'Hannover", wie er
auch noch in Presseankündigungen seiner Opern Il pastor fido (1712) und Teseo (1713) genannt wurde.
- Eine Aufführung konnte in diesem Fall nur durch eine ausdrückliche königliche Ordre erfolgen, die
spätestens zu dem offiziellen Dank-Gottesdienst vorgelegen haben muß, der am 7. Juli 1713
(traditionsgemäß in der St. Paul's Cathedral) stattfand, wofür Händel dem Te Deum noch ein Jubilate
(HWV 179) hinzugefügt hatte.
Für Burneys Bericht, „ Händel'n ward vor allem anderen, auch, wie es scheint, ohne Murren der einländischen Tonkünstler, der Auftrag gemacht, die Hymnen des Danks und Triumphs bei dieser Gelegenheit zu verfertigen ...", gibt es keine weiteren Belege, aber ausschließen können wir nicht, daß Händel, vielleicht zunächst inoffiziell, diesen Auftrag erhielt. Königin Anna soll dem Komponisten nach Anhören dieses Werkes (bei der Friedensfeier selbst war sie nicht zugegen) eine lebenslange jährliche Pension von £ 200 ausgesetzt haben, für die dieser sich (1714) mit seiner Ode for the Birthday of Queen Anne HWV 74 bedankte. - Allerdings wenige Monate später starb die Königin.


