HÄNDEL IN HALLE

Halle im 17. Jahrhundert
Samuel Scheidt
Hofoper in Halle
Gründung der Universität
Familie Händel
Händels Vater
Händels Eltern
Geburt und Kindheit
Unterricht bei Zachow
Student
Domorganist
Reise(n) nach Berlin




Am Anfang des 17. Jahrhunderts kam es in Halle durch die prunkvolle Hofhaltung des Markgrafen Christian Wilhelm von Brandenburg, der hier als Administrator des Erzstiftes Magdeburg residierte, zu einer Blüte der höfischen Kultur. Diese strahlte u. a. durch die Anwesenheit bedeutender Künstler in der Stadt in gewissem Grade auch auf das bürgerliche Kulturleben und besonders auf die Kirchen- und Schulmusik aus. Doch am Ende des Dreißigjährigen Krieges lag die Stadt - von Kaiserlichen, Schweden und Sachsen immer wieder erobert, besetzt und ausgeraubt, von Ruhr und Pest heimgesucht - hoffnungslos darnieder.

Der Dreißigjährige Krieg war 1648 mit dem Westfälischen Frieden beendet worden, in dessen Folge in England, Frankreich und den Niederlanden einheitliche, zentral regierte Nationalstaaten entstanden, während Deutschland - besonders auf Grund der Zersplitterung in viele kleine geistliche und weltliche Territorial- und Stadtstaaten - zunächst politisch und wirtschaftlich rückständig blieb. An eine rasche Überwindung der Kriegsfolgen war hier nicht zu denken, und auch die sich in ganz Europa anbahnende Entwicklung einheitlicher nationaler Kulturen fand in Deutschland keine Entsprechung.

An Künstlerpersönlichkeiten mangelte es jedoch nicht. Samuel Scheidt (1587-1654), ein hervorragender Musiker dieser Zeit, spielte - zunächst als Hoforganist und später als Hofkapellmeister - eine führende Rolle im hallischen Musikleben. Er war weit über die städtischen Grenzen hinaus bekannt, und er galt als der größte Orgelmeister seiner Generation. Von ihm sind etwa 400 Kompositionen überliefert. Von besonderer Bedeutung ist die Tabulatura nova, eine Sammlung von Toccaten, Fantasien, Fugen, Choral- und Volksliedbearbeitungen. Es handelt sich hier um Stücke für Tasteninstrumente, die nach italienischen Vorbildern statt in der in Deutschland noch gebräuchlichen Buchstabennotierung (Orgeltabulatur) in Notenschrift auf fünf Linien aufgezeichnet sind.Zum Nachfolger des 1654 verstorbenen Samuel Scheidt berief Herzog August Philipp Stolle (1614-1675) nach Halle. Gleichzeitig gründete er eine Hofoper, die deutschsprachige „singende Comedien" und „Singballette" aufführte. Zwischen 1654 und 1680 wurden achtzehn Werke aufgeführt. Die jährlichen finanziellen Aufwendungen waren beträchtlich und überstiegen beispielsweise 1676 mit 4500 Thalern die der Dresdener Hofoper.

Nach dem Tode des letzten Administrators des Erzbistums Magdeburg, Herzog August, trat 1680 die bereits im Westfälischen Friedensvertrag festgelegte Gebietsabtretung in Kraft, und Halle wurde brandenburgisch. Der Sohn des Herzogs, Johann Adolf, verlegte den Sitz des Hofes in das nahe Weißenfels, wodurch Halle mit der Residenz unter anderem auch die Hofoper und die bei Hofe beschäftigten Künstler verlor. - In Weißenfels gelangte die Oper unter der Leitung von Johann Philipp Krieger zu einer neuen Blüte. - Die Machtübernahme durch das Kurfürstentum Brandenburg brachte für Halle tiefgreifende politische und auch wirtschaftliche Umwälzungen mit sich. Gleichzeitig kam aber zunächst durch die wütend um sich greifende Pest, die in Halle 5566 Opfer (fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung) forderte, das gesellschaftliche Leben völlig zum Erliegen. Ein wirtschaftlicher Aufschwung war nur sowohl durch die Zuwanderung vieler Menschen aus der Umgebung als auch durch die von der brandenburgischen Regierung geförderte Ansiedlung von Ausländern möglich. Eine besondere Rolle spielten dabei die seit der Aufhebung des Ediktes von Nantes in Frankreich grausam verfolgten Hugenotten, die neben ihrer Arbeitskraft auch beträchtliche Geldmittel, Maschinen und moderne Produktionsmethoden mit in ihre neue Heimat brachten.

Der wegen seiner fortschrittlichen Lehrmeinungen von der Leipziger Universität vertriebene weitberühmte Gelehrte Christian Thomasius (1655-1728) gab durch seine Vorlesungen, die er seit 1690 in der sogenannten „Ritterakademie", der Nachfolgeeinrichtung der „Adelsakademie zur Pflege höfischer Bildung und ritterlicher Künste" in Halle hielt, einen entscheidenden Anstoß zur Gründung der Universität in dieser Stadt. In der neuen hallischen Bildungsstätte sollten neben Theologen vor allem die zahlreichen von der brandenburgischen Regierung benötigten Beamten ausgebildet werden. Die glanzvollen und kostspieligen Einweihungsfeierlichkeiten fanden am 11. Juli 1694 statt. Die Universität spielte bald eine bedeutende Rolle im gesellschaftlichen und geistigen Leben der Stadt Halle, teilweise auch deswegen, weil die meist noch jungen Gelehrten ihre Schriften im Gegensatz zu der damals üblichen Praxis an anderen Hochschulen nicht in lateinischer, sondern in deutscher Sprache drucken ließen. In oft langen, öffentlich geführten Disputationen wurden die Studenten mit dem Gedankengut der Frühaufklärung konfrontiert. Händels spätere Entwicklung war sicherlich auch von solchen Einflüssen geprägt.

Die Familie Händel  war vermutlich Anfang des 17. Jahrhunderts nach Halle übergesiedelt. Der Großvater, Valentin Händel, 1582 in Breslau geboren, wurde im Jahre 1609 in das Bürgerbuch Halles als „Kupfer Schmidt von Preßlau" eingetragen. Schon ein (vermutlich direkter) Vorfahre, „ Valten Hanndel", hatte 1544 in Breslau den gleichen Beruf ausgeübt und war 1568 Breslauer Bürger geworden. Der angesehene neue hallische Einwohner ehelichte die Tochter Anna des Kupferschmiedemeisters Samuel Beichling aus Eisleben. Zwei Söhne dieser Ehe wurden ebenfalls Kupferschmiede.

Einen weiteren Sohn, Georg Händel, zog es in die Welt, nachdem er das Baderhandwerk erlernt hatte. Während der Feldzüge des Dreißigjährigen Krieges sammelte er vielfältige Erfahrungen als Wundarzt. In die Heimat zurückgekehrt, ging er beim hallischen „Chirurgen und Barbier" Adam Albrecht erneut in die Lehre, und 1643 heiratete er die 11 Jahre ältere Witwe Anna des auf dem Neumarkt ansässigen Wundarztes Christoph Oettinger. Bald gelangte Georg Händel zu Ansehen, Wohlhabenheit und Berühmtheit. Schon 1645 war er zum Amtschirurgen von Giebichenstein berufen worden, und 1660 trat er als Leibchirurg in den Dienst des Herzogs August. In dieser Position kaufte er das nahe der Residenz gelegene Haus Zum Gelben Hirschen, das spätere Geburtshaus Georg Friedrichs. Die Pest nahm ihm im Jahre 1682 seine Lebensgefährtin und beendete so eine harmonische Ehe.

In Verbindung mit seinem Giebichensteiner Amt und besonders während der schweren Jahre, in denen Georg Händel als Pestarzt eingesetzt war, hatte er die Tochter des Giebichensteiner Pfarrers Taust kennengelernt. 1683 dann, mit 61 Jahren, vermählte sich „ Der Edele WohlEhrenveste, Grosachtbare und Kunstberühmte Herr Georg Hendel, Churfürstl. Brandenburgischer Wolbestalter Kammerdiener, mit Jungfer Dorotheen" in zweiter Ehe.

Am 23. Februar 1685 wurde Georg Friedrich Händel in dieser Ehe im elterlichen Haus, dem heutigen Händel-Haus, geboren und am darauffolgenden Tage in der Marktkirche getauft. Über die Kindheit und die Schulzeit ist nur wenig bekannt. Fast alle Kenntnisse über diese Zeit verdanken wir einigen Anekdoten, die im wesentlichen auf die erste Händelbiographie aus dem Jahre 1760, verfaßt von John Mainwaring, zurückgehen.

Allem Anschein nach hat Georg Friedrich als Sohn eines angesehenen „Grosachtbaren" halleschen Bürgers zwischen 1692 und 1702 das Stadtgymnasium besucht oder ist von den dortigen Lehrern privat unterrichtet worden. Hier erhielt er, glaubt man den noch erhaltenen Lehrplänen, eine gründliche Allgemeinbildung, die vor allem die Unterrichtsfächer Geschichte, Geographie, Stilkunde, Logik, Moral, Physik sowie die Sprachen Lateinisch, Griechisch und Hebräisch umfaßte.

Aber auch musikalische Anregungen fehlten nicht, und es ist anzunehmen, daß der kleine Händel im Schulchor, vielleicht sogar im Stadtsingechor, der an diesem Gymnasium beheimatet war, mitgesungen und bei der Aufführung der „Schulkomödien" des aus Quedlinburg stammenden Rektors Johann Praetorius mitgewirkt hat. „Von Kindesbeinen an hatte dieser Händel eine solche ungemeine Lust zur Musik bezeiget," wie Mainwaring berichtet, „daß sein Vater ... darüber in Unruhe gerith". Der kleine Händel hatte wohl auch im Elternhaus Unterricht an verschiedenen Instrumenten erhalten, bevor der Vater aus Sorge um die Zukunft oder auch die Gesundheit des Jungen die musikalische Betätigung einschränkte oder gar verbot.

Doch eine Reise nach Weißenfels, die Georg Friedrich Händel in Begleitung seines Vaters unternommen haben soll, mag der Anlaß gewesen sein, den Knaben zu dem damals besten Musiker Halles, Friedrich Wilhelm Zachow (1663-1712), in die musikalische Lehre zu geben. Dieser „ zeigte dem Händel die mannigfaltigen Schreib- und Setzarten verschiedener Völker, nebst eines jeden besonderen Verfassers Vorzügen und Mängeln. Und damit er auch eben sowohl in der Ausübung als in der Beschaulichkeit, zunehmen mögte, schrieb er ihm öfters gewisse Aufgaben vor, solche auszuarbeiten; ließ ihn öfters rare Sachen abschreiben, damit er ihres gleichen nicht nur spielen, sondern auch setzen lernte. Solchemnach fand unser Lehrling mehr Arbeit und grössere Erfahrung, als sonst gemeiniglich ein anderer bei seiner Jugend zu haben pflegt" (Mainwaring/Mattheson). Der Ruhm des Jünglings drang bereits über die Stadtgrenzen hinaus, und Georg Philipp Telemann berichtet in seiner Autobiographie 1739, daß er auf seiner Reise von Magdeburg zum Studium nach Leipzig im Jahre 1701 eigens in Halle Station gemacht habe, um den „ damahls schon wichtigen Hrn. Georg Fried. Händel" kennenzulernen.

Ein Jahr später, im Februar 1702, schrieb sich der junge Künstler - wahrscheinlich auf Wunsch des verstorbenen Vaters - in die Matrikel der hallischen Universität als Student ein. Doch sein Hauptinteresse galt wohl weiterhin der Musik, und den Entschluß, Musiker zu werden, mochte er schon als Zwölfjähriger gefaßt haben, als er das Trauergedicht auf den Tod seines Vaters mit „Der freyen Künste ergebener" unterzeichnete.

Im gleichen Jahr, am 13. März 1702, wurde „vor andern Studiosus Georg Friedrich Hendel ... seiner geschickligkeit halber" für das Organistenamt  am reformierten Dom verpflichtet. Hier kam er auch mit der berühmten hallischen Musikervereinigung, der „Hautboistenbande der Hyntzsche", in engeren Kontakt. Später erinnerte er sich: „Ich komponierte damals wie der Teufel, zumeist für die Oboe, welches mein Lieblingsinstrument war." Angesichts der erstaunlichen Produktivität späterer Jahre läßt diese Bemerkung auf eine sehr große Anzahl von Komponistionen der hallischen Zeit schließen, von der allerdings kein einziges Werk direkt überliefert ist. Wir können nur vermuten, daß einiges davon in spätere Kompositionen Eingang gefunden haben mag.

Schon bald hatte der Schüler seinen Lehrer übertroffen, und Halle war „nun kein Ort mehr für einen Jüngling, der sich so löblich bestrebte." Diese Bestrebungen bezogen sich augenscheinlich in erster Linie auf die Musik. Aber neben der„ungemeinen musikalischen Wissenschaft", wie sein späterer Freund Johann Mattheson mitteilt, hat Händel in dieser Zeit auch „gar feine andere studia" gepflogen. Und wir dürfen vermuten, daß der junge Student und Musiker aufmerksam und aufgeschlossen die Möglichkeiten genutzt hat, in Vorlesungen der berühmten jungen Professoren der hallischen Universität den neuen aufklärerischen Gedanken zu folgen.

Aber wie gesagt, die künstlerische Zukunft stand im Mittelpunkt der Bemühungen, und dieser Zukunft sollte wohl auch eine (oder zwei) Reise(n) an den Berliner Hof dienen (evtl. 1697 und 1702/1703), wo man seine Kunst bewunderte. Hier in Berlin hatte er auch Gelegenheit, Attilio Ariosti (1666 - um 1740) und Giovanni Bononcini (1670-1747) kennenzulernen. Die näheren Umstände, Ziele und Ergebnisse des Berlin-Aufenthaltes sind uns jedoch nicht bekannt. Sicherlich könnte eine solche Reise zur Reifung der Persönlichkeit und eventuell auch zu dem Entschluß beigetragen haben, Halle endgültig zu verlassen und nach Hamburg zu gehen.


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