Händels Manuskripte
Commemoration
Aufführungen
Arnold-Ausgabe
Anpassung an den Zeitgeschmack
Standard Edition
Chrysander-Ausgabe
Das Händel-Denkmal in Halle
Opernfestspiele in Göttingen
Arbeiter-Händelfest 1926
Händel-Verfälschungen
Händel-Gesellschaften
Georg Friedrich Händel vererbte seine
Manuskripte seinem Sekretär Johann Christoph Schmidt (1683-1763); dessen Sohn John
Christopher Smith (1712-1795) schenkte sie um 1774 dem englischen Königshaus. 1911 wurde diese
Sammlung durch Georg V. dem Britischen Museum in London als ständige Leihgabe überlassen, wo sie
noch heute aufbewahrt wird.
Georg Friedrich Händel gelangte schon zu seinen Lebzeiten in London zu großer Berühmtheit. So
wuchs auch die Zahl der Konzerte, in denen seine Musik ohne seine eigene Beteiligung aufgeführt
wurde. Dies war eine der Voraussetzungen für eine intensive Händel-Pflege in England nach seinem
Tode.
Bereits ein Jahr nach Händels Tod, im Jahre 1760,
erschien die erste Händel-Biographie (von John Mainwaring); sie war gleichzeitig die erste
Biographie überhaupt, die einem Musiker gewidmet war. Ein Jahr später hatten die deutschen Leser
eine gedruckte Übersetzung von Johann Mattheson in den Händen. 1784 erreichte die Verehrung Händels
ihren ersten großen Höhepunkt in den ein Jahr zu früh angesetzten Feierlichkeiten zu seinem
100. Geburtstag. Mit einem für damalige Verhältnisse riesigen Aufgebot an Sängern
und Instrumentalisten wurden seine Werke in der Westminster-Abtei aufgeführt. Über dieses Ereignis
sind wir durch einen ausführlichen Bericht von Charles Burney (1726-1814) informiert, der ebenfalls
eine kleine Biographie enthält. Große Händel-Feste wurden in England und besonders in London nach
1784 zur Tradition, wobei die Zahl der Mitwirkenden in den Jahren 1857-1926 auf mehrere Tausend
anwuchs.
Bald nach dem Tode Händels setzte die Pflege seiner
Musik auch auf dem Kontinent in verschiedenen Zentren gleichzeitig und voneinander unabhängig ein.
Die ersten uns bekannten
Aufführungen außerhalb Englands waren:
1766 Berlin
Alexanderfest (J. P. Kirnberger; Übersetzung: K. W. Ramler)
1768-1774 Florenz
Alexanderfest (sechs Aufführungen)
1769-1771 Berlin
Alexanderfest und Cecilien-Ode (mehrere Aufführungen)
1771-1772 Wien
Alexanderfest (zwei Aufführungen)
1771/72
Utrechter Te Deum
1771 u. 1772 Braunschweig
Judas Maccabäus
1772
Acis und Galatea
1774 Wien
Alexanderfest (zwei Aufführungen)
Diese Aufstellung zeigt deutlich die Konzentration auf nur wenige Werke, was sicherlich auch
mit der Verfügbarkeit von Aufführungsmaterial, bestimmt jedoch damit zusammenhängt, daß diese Werke
auch unter den Bedingungen des inzwischen vollzogenen Stil- (und Geschmacks-)wandels in der Musik
für Musiker und Publikum von besonderem Interesse waren. Eine ganz besondere Rolle in der
Geschichte der Aufführungen Händelscher Werke spielte der Messias.
Anfang des 18. Jahrhunderts sind uns aus Deutschland folgende Messias-Aufführungen bekannt:
1772 Hamburg (zwei Aufführungen - Michael Arne)
1775-1778 Hamburg (fünf Aufführungen - C. Ph. E. Bach)
1777 Mannheim (Georg Joseph Vogler - stark bearbeitete Fassung in italienischer Sprache)
1780 Schwerin
1780-1781 Weimar (drei Aufführungen - Ernst Wilhelm Wolt)
1786-1787 Berlin (zwei Aufführungen - J. A. Hiller)
1786-1787 Leipzig (drei Aufführungen - J. A. Hiller)
1788 Breslau (J.A.Hiller)
1789 Wien (Mozarts Bearbeitung)
Eine wichtige Voraussetzung für die Pflege Händelscher Musik waren
zahlreiche Notenausgaben, besonders die Bemühungen um Gesamtausgaben.
Samuel Arnold (1740-1802), Organist und Komponist der königlichen Kapelle, seit
1789 Direktor der Academy of Ancient Music und seit 1793 Organist der Westminster-Abtei, hat sich
besonders um die Herausgabe von Händels Werken verdient gemacht. Arnolds Partituren enthalten zwar
zahlreiche Fehler, doch waren sie, zwischen 1787 und 1797 in 180 numerierten Bänden als erste
Händel-Gesamtausgabe erschienen, für die Musikpraxis von unschätzbarem Wert. Eine von ihm
angekündigte neue, korrigierte und vollständige Ausgabe kam nicht mehr zustande.
Viele der begeisterten Händel-Anhänger des ausgehenden 18.
und des 19. Jahrhunderts, darunter auch W. A. Mozart, F. Mendelssohn Bartholdy und R. Franz, waren
sich darin einig, ihre Aufgabe nicht in der Wiederherstellung der originalen Aufführungspraxis zu
sehen, sondern in der weitgehenden
Anpassung der „alten Werke" an den eigenen Zeitgeschmack. Mozart bearbeitete für
den Baron van Swieten in den Jahren 1788 und 1789:
Acis und Galathea (HWV 49a) KV 566
Messias (HWV 56) KV 572
Alexanderfest (HWV 75) KV 591
Ode auf den St. Cäcilientag (HWV 76) KV 592.
Im Jahre 1843 wurde eine Handel Society „for
the production of a superior and
standard edition of the works of Handel" gegründet. Sie löste sich bereits 1848
wieder auf, doch erschienen auch danach noch einige Werke im Druck. Die Ausgabe enthält neben den
Kammerduetten und Trios dreizehn oratorische Werke, darunter Israel in Egypt in der Bearbeitung von
F. Mendelssohn Bartholdy.
1856 wurde auf Initiative von Georg Gottfried Gervinus
(1805-1871) die Deutsche Händel-Gesellschaft zur Herausgabe der Werke Händels ins Leben gerufen.
Die ersten 18 Bände erschienen bei Breitkopf & Härtel (seit 1858), die folgenden wurden in
Friedrich Chrysanders eigener Werkstatt hergestellt.
Friedrich Chrysander (1826-1901) hat die fast 100 Bände seiner
Händel-Gesamtausgabe von der Erforschung der Quellen bis zur typographischen
Gestaltung und drucktechnischen Realisierung unter Aufwendung beträchtlicher eigener finanzieller
Mittel nahezu allein erarbeitet. Diese großartige Leistung, verbunden mit grundlegenden
Forschungen, die in seiner Händel-Biographie mündeten, und zahlreichen Initiativen, die zu
Aufführungen von Händel-Werken führten, ließen ihn zur wichtigsten Gestalt der Händel-Renaissance
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden. Trotz der Irrtümer und Kompromisse, die sich vor
allem in seinen Händel-Bearbeitungen zeigten, hat er sich doch hauptsächlich dafür eingesetzt,
seinen Zeitgenossen den „originalen" Händel zu vermitteln.
Die Geburtsstadt Händels beobachtete ihren
berühmten Sohn mit Respekt aus der Ferne. Seine Musik spielte hier aber, soweit wir das heute
beurteilen können, zunächst keine große Rolle. Eine Messias-Aufführung unter der Leitung von Daniel
Gottlob Türk im Jahre 1803 (in der Mozart-Bearbeitung) stand am Beginn regelmäßiger Aufführungen
großer Händel-Werke durch die hallischen Gesangsvereine. Auf Initiative Ludwig Wucherers
(1790-1861) hatte sich 1855 ein Komitee zur Vorbereitung der würdigen Feier des 100. Todestages
Georg Friedrich Händels in Halle zusammengefunden. Von dem ursprünglichen Plan, bis 1859 in seiner
Geburtsstadt ihm zu Ehren eine Tonhalle zu erbauen, geschmückt mit seiner Büste, mußte bald Abstand
genommen werden. Der Aufruf zur
Errichtung eines Händel-Denkmals in Halle fand schließlich bei der
halleschen Bevölkerung und bei Händel- und Kunstfreunden Deutschlands und Englands breite
Unterstützung.
Am 14. April 1859, Händels Todestag, sollte das Denkmal enthüllt werden. Es kam jedoch wegen
einer Erkrankung seines Schöpfers, des Berliner Bildhauers Hermann R. Heidel (1810-1865), erst am
1. Juli zu dieser Feier.
Im 19. Jahrhundert hatte die Aufmerksamkeit vor allem den
oratorischen Werken Händels gegolten, während aus den Opern nur hin und wieder einige wenige Arien
erklangen. Am 26. Juni 1920 dann führte der Kunsthistoriker Oskar Hagen, der entsprechende
Anregungen als Student an der Alma mater Hallensis empfangen hatte, mit Unterstützung des Göttinger
Universitätsbundes Händels Oper Rodelinda (HWV 19) auf. Von nun an wurden bis heute, mit einigen
Unterbrechungen, jährlich
Händel-Opern-Festspiele veranstaltet. 1924 formierte sich in
Göttingen zu diesem Zweck eine Händel-Festspiel-Gemeinde, aus der 1931 die
Göttinger Händel-Gesellschaft e. V. hervorging.
Das Göttinger Beispiel wurde frühzeitig von den Hallensern, zu denen Oskar Hagen noch in
reger Verbindung stand, aufgegriffen. 1922 fanden in Halle Händel-Festspiele statt, deren Programm
dann weit über Göttingen hinausging und auch mit ihrer Opernaufführung (Orlando furioso in der
Bearbeitung von Hans Joachim Moser) eigene Wege zu gehen versprach. Dieser vielversprechende Start
wurde 1929 von der 1925 durch Hermann Abert gegründeten Deutschen Händel-Gesellschaft in Halle
fortgeführt. Die Tradition der Händel-Festspiele in Karlsruhe reicht ebenfalls bis in die Mitte der
20er Jahre zurück.
In den 20er Jahren
unseres Jahrhunderts nahm die Arbeiter-Chorbewegung in Deutschland einen kaum für möglich
gehaltenen Aufschwung. Es kam zum Zusammenschluß schon bestehender kleinerer Chöre, die sich wie
ihre bürgerlichen Vorbilder in verstärktem Maße auch der Einstudierung oratorischer Werke -
insbesondere von Georg Friedrich Händel - widmeten. Die Bemühungen einiger Enthusiasten mündeten
1926 in einem spektakulären
Arbeiter-Händel-Fest in Leipzig, das vom Leipziger Allgemeinen
Arbeiter-Bildungs-Institut, dem Gau Leipzig des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes und verschiedenen
weiteren Chorgemeinschaften veranstaltet wurde.
Solche hoffnungsvollen Ansätze konnten jedoch
durch die nun nachfolgende „Gleichschaltung" der kulturellen Institutionen und deren totalen
Kontrolle nach der Machtergreifung des Faschismus, der schließlich auch die meisten Arbeiterchöre
zum Opfer fielen, kaum Früchte tragen. Darüber hinaus versuchten in den folgenden Jahren die Nazis
unverhohlen durch
Verfälschungen das Händelsche Werk ihrer demagogischen und im Wesen
kulturfeindlichen Politik dienstbar zu machen, was auf den Widerstand vieler Musiker und
Intellektueller stieß. Immerhin fanden nach dem großen offiziellen Reichs-Händel-Fest 1935
anläßlich des 250. Geburtstages Händels, in den Jahren zwischen 1936 bis 1944 jährliche Händeltage
in Halle statt. deren Programm wesentlich von der hallischen Musikwissenschaft beeinflußt werden
konnte. Eine deutliche Stellungnahme gegen die Händel-Verfälschungen der Faschisten finden sich
beispielsweise auch in Lion Feuchtwangers Roman Exil, 1939.
Wesentliche Impulse für eine neue
Händel-Renaissance gingen nach 1945 von Halle aus. Eine besondere Rolle spielte dabei die 1955
gegründete Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft. Aber es gab und gibt darüber hinaus eine ganze
Reihe von
Gesellschaften, die mit dem Ziel gegründet wurden, das Werk Georg Friedrich
Händels zu pflegen. Mehrere von ihnen entstanden in Verbindung mit Chorvereinigungen, deren
Anliegen es war, bevorzugt und regelmäßig Händelsche Vokalwerke aufzuführen. Einige andere wollten
die Kompositionen vor allem durch Notenausgaben propagieren. Einige wichtige Händel-Gesellschaften
seien hier genannt:
* Handel Society of Dartmouth College (USA, seit 1807)
* Handel and Haydn Society (USA, seit 1815)
* Handel-Society (Großbritannien, 1843-1848)
* Deutsche Händel-Gesellschaft (Deutschland, 1856-1925)
* Händel-Gesellschaft e. V. (Deutschland, 1925-1933/34?)
* Handel-Society (Großbritannien, 1882-1939)
* Hallischer Händelverein (1918)
* Göttinger Händel-Gesellschaft e. V. (Deutschland, seit 1931)
* Brisbane Handel Society (Australien, seit 1934)
* Deal and Walmer Society (Großbritannien, seit 1940)
* Hallische Händelgesellschaft e.V. (1944/1948-1955)
* Haendel Vereniging (Niederlande, seit 1947)
* Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft (Deutschland, seit 1955)
* Handel Opera Society (Großbritannien, seit 1955)
* West Riding Handel Society (Großbritannien, seit 1966)
* The American Handel Society (USA, seit 1985)
* Die Karlsruher Händel-Gesellschaft (Deutschland, seit 1985)
* Česká Händelova společnost (Tschechien, seit 1990)


