RUNDGANG DACHGESCHOSS
Händel und Halle
Die Familie Händel und Giebichenstein
Das Haus zum Gelben Hirschen - Händels Geburtshaus
Schulbildung und Universität
Dom und Residenz
Halle als Pflegestätte der Musik Händels
Händel und Halle
Georg Friedrich Händel wurde 1685 in Halle geboren und verlebte hier Kindheit und Jugend.
Sein musikalischer Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow machte ihn mit der mitteldeutschen
Kantorentradition ebenso vertraut wie mit der aktuellen italienischen und französischen Musik. Das
geistige und kulturelle Klima der Stadt war zu dieser Zeit von einem aufstrebenden Bürgertum
geprägt, und die 1694 gegründete Universität, an der Händel sich 1702 einschrieb, gehörte damals zu
den modernsten Bildungseinrichtungen in Deutschland. Auch nachdem Händel 1703 seinen Wohnsitz nach
Hamburg, später nach Rom, Hannover und schließlich London verlegt hatte, fühlte er sich seiner
Heimat verbunden. Das belegen Äußerungen in seinen Briefen und mehrere Besuche, die er seinen
halleschen Verwandten und Freunden abstattete, letztmalig 1750. Seine Mutter hat er zeitlebens hoch
verehrt und ihren Tod im Dezember 1730 mit warmherzigen Worten betrauert. Zur Familie seiner
Schwester Dorothea Sophia pflegte er engen Kontakt, seine Nichte Johanna Friderica war sein
Patenkind und später seine Haupterbin. Die lebenslangen Beziehungen nach Halle dürften ihm
Gelegenheit gegeben haben, das musikalische Geschehen in seiner Heimatstadt bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts zumindest partiell zu verfolgen.
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Georg Friedrich Händel (1685–1759);
Pastell von Luzie Schneider (1983)
nach einer Miniatur von Christoph Platzer, 1710; BS-I, 65 |
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Die Familie Händel und Giebichenstein
Die Burg Giebichenstein ist die älteste Saaleburg. Im Mittelalter residierten hier die
Magdeburger Erzbischöfe. Minnesänger und fahrende Spielleute fanden sich ein. Zur Burg gehörte der
gleichnamige Ort (1900 zu Halle eingemeindet). Hier war der angesehene Wundarzt Georg Händel (1622–1
697), der Vater des Komponisten, seit 1645 Amtschirurg. Während einer schweren Pest verlor Georg
Händel seine erste Frau Anna. Drei von sechs Kindern hatten die Kindheit überlebt und das
Elternhaus bereits verlassen, als er mit 60 Jahren noch einmal einen Neuanfang wagte: Er heiratete
1683 in der Kirche zu St. Bartholomäus in Giebichenstein Dorothea Taust (1651–1730), die Tochter
des dortigen Pfarrers Georg Taust. Nach dem Tod des Vaters wurde ihr jüngerer Bruder Georg dessen
Nachfolger im Pastorenamt. Händel hielt zu diesem Onkel und seiner Familie Kontakt und bedachte die
Witwe in seinem Testament.
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Giebichenstein bei Halle
Kupferstich von Caspar Merian, 1637
BS IIa, 161
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Gedicht von Händels
Großvater Georg Taust
aus dem Turmknauf der
Giebichensteiner
Kirche St. Bartholomäus
Dauerleihgabe der
Kirchgemeinde
St. Bartholomäus, Halle |
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Giebichenstein bei Halle
Lithographie von Carl Wilhelm Arldt
nach Julius Fleischmann, um 1860
BS IIa, 32 |
Das Haus zum Gelben Hirschen – Händels Geburtshaus
Am 23. Februar 1685 wurde Georg Friedrich Händel im Haus zum Gelben Hirschen, dem heutigen
Händel-Haus, geboren. Sein Vater, Georg Händel (1622–1697), hatte das stattliche Eckhaus „Am großen
Schlamm“ am 30. Juni 1666 von der Witwe Susanna Bley für 1.310 Gulden erworben. Das Haus lag in der
Nähe der Residenz und besaß ein Weinschankprivileg, von dem der neue Eigentümer aber nur wenige
Jahre Gebrauch machen durfte. Georg Friedrich Händel erlebte hier jedenfalls keinen Ausschank mehr.
Er wuchs mit seinen beiden jüngeren Schwestern Dorothea Sophia (1687–1718) und Johanna Christiana
(1690–1709) auf. Das Elternhaus bot ihm eine lebensbejahende, gläubige Atmosphäre, die gepaart war
mit Fleiß und bürgerlichem Selbstbewusstsein. Bis zu seinem 18. Lebensjahr wohnte Händel in diesem
Haus; danach kehrte er noch mehrfach zurück, um seine Familie zu besuchen. Im Dezember 1730 starb
die Mutter. Sie wurde neben dem bereits 1697 verstorbenen Vater auf dem Stadtgottesacker
beigesetzt; die Grabstätte existiert noch heute. Nach dem Tod der Mutter waren sein Schwager
Michael Dietrich Michaelsen (1680–1748) und dessen Tochter, Händels Nichte, Patenkind und spätere
Haupterbin Johanna Friderica (1711–1771), die wichtigsten Kontaktpersonen in Halle. Das Haus blieb
bis 1782 in Familienbesitz.
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Georg Händel (1622–1697)
Kupferstich von Johann Jakob Sandrart
nach Benjamin Block |
Neues Testament. Dieses Buch
soll aus dem Besitz der Familie
Michaelsen stammen.
Sign. 100 783 |
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Händels Geburtshaus, älteste bekannte Abbildung.
Anonymer Holzstich, abgebildet in The Illustrated London News, 1859,
nach einem Foto von C. Klingemann
BS IIa, 7 |
Händels Geburtshaus lag im Sprengel der Marktkirche „Unser lieben Frauen“ (Marienkirche), der
städtischen Hauptkirche. Dort wurde der Komponist am 24. Februar 1685 getauft. Das Gebäude entstand
1554 aus ursprünglich zwei Kirchen (St. Marien und St. Gertrauden), von denen es je ein Turmpaar
übernahm. Zusammen mit dem Roten Turm bilden die fünf Türme bis heute das Wahrzeichen von Halle.
Als der Rat der Stadt 1461 erstmalig Spielleute als Stadtpfeifer anstellte, verpflichtete er sie
nicht nur zum Musizieren, sondern auch zum Wachdienst. Bis ins Jahr 1916 mussten sie bei drohender
Gefahr von den so genannten Hausmannstürmen Signale geben. Heute wird das abendliche Turmblasen zur
Freude der Passanten wieder mehrmals in der Woche gepflegt. Die Musiker stehen dabei in Schwindel
erregender Höhe auf der Brücke zwischen beiden Türmen und spielen Choräle. Bei dem Marienorganisten
Friedrich Wilhelm Zachow (1663–1712) erhielt Händel seinen ersten und einzigen Musikunterricht. Die
kleine Orgel über dem Altar, 1664 von Georg Reichel gebaut, stand ihm damals schon zur Verfügung.
Die heute noch im Prospekt sichtbare große Orgel von Christoph Cunzius konnte er aber erst bei
seinen späteren Besuchen in Halle sehen. Kein Geringerer als Johann Sebastian Bach erstellte 1716
über diese Orgel ein Gutachten. Zwischen 1746 und 1764 war sein ältester Sohn, Wilhelm Friedemann
Bach (1710–1784), hier Organist, und ab 1787 hatte Daniel Gottlob Türk (1750–1813) dieses Amt inne.
Türk gilt als der Begründer der halleschen Händel-Renaissance.
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Die Marktkirche in Halle.
Kupferstich von Johann David Schleuen im ersten Band der
Beschreibung des Saal-Creyses, von Johann Christoph
Dreyhaupt, 1749. Sign.: 200 138 |
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Schulbildung und Universität
Vermutlich hat Händel das lutherische Gymnasium besucht und dort eine für seine Zeit
umfassende Bildung genossen. Als Schulgebäude diente das ehemalige Barfüßerkloster, das im 19.
Jahrhundert dem Hauptgebäude der Universität (so genanntes Löwengebäude, errichtet 1834) weichen
musste. Im Februar 1702 schrieb sich Händel in die Matrikel der halleschen Universität ein.
Vertreter der Aufklärung wie Christian Thomasius und Christian Wolff, der Mediziner Friedrich
Hoffmann (der „Erfinder“ der Hoffmannstropfen) und der Theologe August Hermann Francke, der
Hauptvertreter des deutschen Pietismus, lehrten hier. Die Vorlesungen fanden teils in den Wohnungen
der Professoren, teils im Ratswaagegebäude am Marktplatz statt (im Zweiten Weltkrieg zerstört).
Während seiner Studienzeit lernte Händel auch den späteren Hamburger Senator Barthold Heinrich
Brockes (1680–1747) kennen, mit dem er lebenslang freundschaftlich verbunden blieb. Brockes schrieb
später den Text zu einer von Händel, Telemann und anderen vertonten Passion sowie zu den
Neun deutschen Arien. Georg Philipp Telemann besuchte den „damals schon wichtigen Herrn
Händel“ auf der Durchreise von seiner Heimatstadt Magdeburg zu seinem Studienort Leipzig.
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Die Ratswaage in Halle. Kupferstich im zweiten
Band der Beschreibung des Saal-Creyses, von Johann Christoph Dreyhaupt, 1751. Sign.:
200 138 |
Halle, Stadtplan und
Stadtansicht mit dem
Vorlesungssaal der
Universität. Kolorierter
Kupferstich von Johann
Christoph Homann, mit
Widmung an Christian
Wolff, um 1750
BS-IIa, 44 |
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Georg Philipp Telemann (1681–1767)
Kupferstich von Georg Lichtensteger, um 1745 |
Barthold Heinrich Brockes (1680–1747)
Mezzotinto von Johann Jakob Haid, o. J., nach Balthasar Denner. BS-III, 36a |
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Christian Thomasius (1655–1728)
Anonymer Kupferstich. BS-III, 348 |
Christian Friedrich Hunold gen.
Menantes (1681–1721)
Anonymer Kupferstich, Köln: Johann
Christian Oelschner, 1731. BS-III, 38 |
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Christian Wolff (1679–1754)
Kupferstich von Johann Georg Will
nach der Vorlage des Monogrammisten AD. BS-III, 354 |
Dom und Residenz
Halle gehörte zum Erzbistum Magdeburg, und die jeweiligen Landesherren nahmen hier bis
1680 ihre Residenz: zunächst in der Burg Giebichenstein, ab 1503 in der Moritzburg und seit den
1520er Jahren in der Neuen Residenz neben dem Dom. Im 17. Jahrhundert wirkte hier der bedeutende
deutsche Orgelmeister Samuel Scheidt (1587–1654) als Hoforganist und ab 1619 als Hofkapellmeister.
Nach seinem Tod wurden unter Philipp Stolle (1614–1675) und David Pohle (1624–1695)
deutschsprachige Opern aufgeführt. Pohle war 1660 angestellt worden – im selben Jahr wie Händels
Vater, der Leibchirurg des Herzogs August von Sachsen-Weißenfels. Unter den Hofmusikern befanden
sich später auch der Sänger und Romanschriftsteller Johann Beer (1655–1700) und der Komponist
Johann Philipp Krieger (1649–1725). Einer Festlegung des Westfälischen Friedens zufolge fiel Halle
nach dem Tod des Herzogs an Brandenburg-Preußen. Der Hof zog 1680 nach Weißenfels um und setzte
dort die musikalischen Traditionen fort. Krieger wurde Hofkapellmeister, und Händel, der das
hallesche Hofleben nicht mehr direkt erlebt hatte, konnte sich bei Besuchen in Weißenfels zumindest
einen Eindruck davon verschaffen. Wohl nicht zufällig war es später auch die deutschsprachige Oper,
die Hamburg für ihn besonders attraktiv machte.
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Herzog August von Sachsen-Weißenfels (1614–1680), letzter
Administrator des Erzbistums Magdeburg. Anonymer Kupferstich.
BS III, 363 |
Weißenfels, Stadtansicht mit dem
Schloss Neu-Augustusburg
Radierung von Pieter Schenk,
Ende 17. Jahrhundert. BS-IIa, 6 |
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Im März 1702 begann Händel seine Tätigkeit als Organist am Dom, der 1688 den zugereisten
Reformierten aus der Pfalz als Gemeindekirche zugesprochen worden war. Da Händel ein „
evangelisch-lutherisches Subject“ war, stellte man ihn nur für ein Jahr zur Probe an. Der
reformierte Gottesdienst war in musikalischer Hinsicht vergleichsweise arm, so dass sich Händel
wohl meist auf die Intonation und Begleitung der Gemeindelieder aus dem Gesangbuch von Lobwasser
(1573) zu beschränken hatte. An besonderen Feiertagen stand ihm vermutlich eine Schola des
Reformierten Gymnasiums, aber auch die Oboisten-Companie der Familie Hyntzsch zur Verfügung.
Vielleicht rührt seine frühe Vorliebe für die Oboe von dem Zusammenwirken mit diesem Ensemble her.
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Der Dom in Halle. Kupferstich von Johann Gottfried
Krügner d. Ä. im ersten Band der Beschreibung des
Saal-Creyses, von Johann Christoph Dreyhaupt, 1749 |
Halle, Bilderbogen.
Kolorierter Kupferstich, nach einer Zeichnung eines hallischen Studenten, von Johann
Baptista Homann, 1721. BS-IIa,10
Halle als Pflegestätte der Musik Händels
Im 19. und mehr noch im 20. Jahrhundert entwickelte sich Halle zu einer besonderen
Pflegestätte der Musik Händels. Die Oratorien spielten schon bei den großen Musikfesten 1829 und
1830 und auch danach in Konzerten der Singakademie eine Rolle. Unter Robert Franz (1815–1892)
erlebte diese Institution ab 1842 eine Blütezeit, weshalb sie seit 1907 nach ihm benannt ist. Sie
war maßgeblich an den Händel-Ehrungen 1859 und 1885 beteiligt.1859 wurde auf dem Marktplatz eine
bronzene Händel-Statue des Berliner Bildhauers Hermann Heidel eingeweiht. An diesem Ereignis nahm
auch der mit Robert Franz befreundete Franz Liszt teil. Das Denkmal wurde u. a. durch
Benefizkonzerte mit Händels Samson, Israel in Egypt und Messiah (unter Mitwirkung der berühmten
schwedischen Sängerin Jenny Lind) finanziert. Händelfreunde in ganz Deutschland und England
sammelten Spenden, und auch in der „Bachstadt“ Leipzig fand ein Benefizkonzert für das
Händel-Denkmal statt.
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Franz Liszt (1811–1886)
Anonyme Lithographie
BS-III, 175 |
Jenny Lind (1820–1887)
Anonymer Stahlstich
BS-III, 160 |
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Das Händel-Denkmal in Halle
Radierung von O. Graber,
um 1910, nach der Statue von
Hermann R. Heidel, 1859
BS-I, 55 |